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Full text of "The anthropology of medicine : from culture to method"

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HARVARD LAW LIBRARY 



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Cber 



Kausalzusammenhang 



und 



unkorperliehe Denksubstrate. 



Von 



Dr. ABton Hess, 

Rechtsanwalt zu Hamburg. 



Entes Heft: 

I. Ursache und Bedingung. 
II. Verunachung durch Unterlassung. 



Hamburg. 

Verlag von Otto Meissner. 
1895. 



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Inhalt 

Seite 

1. Ursache und Bedingung 1 — 34 

§ 1. Einleitung . 3—4 

§ 2. 1) Die Ursache sichert den Erfolg 4—8 

§ 3. 2) Ursache ist letzte abanderbare Bedingung . 8—16 

§ 4. Ursache fur den Juristen 16—33 

Anhang 33—34 

II. Verursachung durch Unterlassung 35—55 



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Ursache iind Bedingimg. 



Hess, K»iisalxiu»inm6iihang. 



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§ 1. Elnleltang. 

Ursache eines Erfolges ist auch allemal Bedingung des Er- 
folges. Aber die Sache ist nicht umgekehrt. Nicht jede Be- 
dingung ist auch allemal Ursliche des Erfolges — oder richtiger: 
wird Ursache von uns genannt. Der Grossvater des Morders 
hat gewiss eine Bedingung zu dem von seinem Enkel began- 
genen Morde gesetzt. Denn hatte der Grossvater den Enkel 
nicht erzeugt, ware der Mord vom Enkel nicht begangen wor- 
den. Aber wir sagen doch nicht, dass der Grossvater den Tod 
des vom Enkel gemordeten Menschen verursacht habe. Oder, 
um ein anderes Beispiel zu geben: der Gast, der, nichts Boses 
ahnend, den ihm vom Wirte vorgesetzten vergifteten Wein trinkt, 
hat eine Bedingung zu seiner Vergiftung gesetzt. Aber wir 
sagen doch nicht, dass er sich selbst vergiftet habe. Der Wirt 
hat ihn vergiftet. Warum sagen wir so? 

Was unterscheidet die Ursache von der Bedingung? 

Man streitet bekanntlich dartiber, ob man den Unterschied 
iiberhaupt objektiv bestimmen konne (Birkmeyer) oder denselben 
in subjektiven Momenten (Willen, Verschulden) zu suchen habe 
(v. Buri). Die verschiedenen, liber diese Streitfrage geausserten 
Ansichten als bekannt voraussetzend, geben wir unsere Ansicht 
dahin ab: 

Es existiert ein objektiver Unterschied zwischen Ursache und 
Bedingung. Aber dieser objektive Unterschied besteht lediglich 
in dem objektiv verschiedenen Verhaltnis beider zum beurteilen- 
den, zuschauenden Subjekt. 

Und zwar ist dieses objektiv verschiedene subjektive Verhaltnis 
beider wieder verschieden zu bestimmen, was das Verhaltnis 
der Ursache 

1) zu den ihr zeitlich voraufgehenden Bedingungen, 

2) zu den ihr zeitlich nachfolgenden Bedingungen anbetrifft. 

1* 



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— 4 — 

Von den ihr zeitlich voraufgehenden Bedingungen unterscheidet 
sich die Ursache durch ihre intensivere subjektive Wirkung, 
d. h. durch ihre intensivere objektive Wirkung auf das zu- 
schauende Subjekt. Von den ihr zeitlich nachfolgenden Be- 
dingungen unterscheidet sich die Ursache durch ihre verschie- 
denartige Stellung zum Urteil des zuschauenden Subjekts. 

Anders ausgedrdcktr 

1) Die (vorangehende) Bedingung lasst den Erfolg bloss mog- 
lich, die Ursache dagegen ihn sicher erscheinen. Die Be- 
dingung ermoglicht, die Ursache slchert den Erfolg. 

2) Die Ursache sichert den Erfolg unter Voraussetzung 
der ihr nachfolgenden Bedingungen. Vorausgesetzt werden 
aber nur die nnaMnderbaren Bedingung^. 

Die Ursache sichert somit den Erfolg bei einem unabander- 
baren Verlauf der Dinge. Sie ist die letzte abftnderbare Be- 
dingung des Erfolges. 

§ 2. 1) Die Ursache sichert den Erfolg. 

Um das Wesen der Ursache zu erfassen und einen festen 
Ausgangspunkt in der uns beschaftigenden Materie zu ge- 
winnen, sehe man zunachst einmal ab von der Existenz der- der 
Ursache nachfolgenden Bedingungen, die man richtiger Voraus- 
setzungen des Erfolges nennen soUte, und beobachte einmal 
sich selbst beim Urteilen Schritt fur Schritt wahrend des succes- 
siven Aufeinanderfolgens der zum Erfolg aufsteigenden Bedin- 
gungen in der Objektivitat, z. B. wahrend der Fabrikant den 
Dolch fabriziert, der Morder den Dolch kauft, sich an den Ort 
der That begiebt u. s. w. u. s. w. Man wird dann gewahr wer- 
den, dass, je naher die Bedingung dem Erfolge ruckt, desto 
sicherer in uns das Urteil fiber den Eintritt des Erfolges 
wird, das ihre Wahmehmung in uns hervorruft. Tritt die letzte 
Bedingung, d. L die Ursache, ein, so ist das Urteil in uns ganz 
sicher, dass der Erfolg eintreten wird. Vorher hielten wir es 
noch nicht ffir sicher, sondem bloss f(ir moglich, dass der Er- 
folg eintreten wird. 

Der Eintritt der Bedingung ruft somit nur das Urteil her- 
vor: es ist moglich, dass der Erfolg eintreten wird, wahrend 



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— 5 — 

der Einixitt der Ursache das Urteil hervomift: es ist sicher, 
dass der Erfolg eintreten wird. Die Ursache unterscheidet sich 
somit von der Bedingung durch die grossere Sicherheit des 
TJrteils tiber den Erfolg, das ihr Eintritt im zuschauenden 
Subjekt hervorruft. Die objektive Wirkung auf das zuschauende 
Subjekt ist somit eine grossere, intensivere, je nachdem sie von 
der Ursache ausgeht oder von der Bedingung.^) 

Birkmeyer irrt somit gnindsatzlich, wenn er (im Gerichts- 
saal XXXVn S. 272) von der Ansicht ausgeht, die Wirkung 
der Ursache in der Objektivitat sei eine grossere als die der 
Bedingung. Allerdings ist die Ursache die „wirksamste" Be- 
dingung des Erfolges, aber nicht in dem Sinne, dass sie in der 
Objektivitat mehr zum Erfolge beitragt als die Bedingung, 
sondem nur in dem Sinne, dass ihr Eintritt auf das begleitende 
Urteil des zuschauenden Subjekts iiber den Eintritt des 
Erfolgs eine starkere Wirkung ausubt als der Eintritt der Be- 
dingung. Der Fabrikant, der den Dolch fabriziert hat, hat 
ebensoviel beigetragen zum Tode des Ermordeten als der Mor- 
der, der den Dolch gebraucht hat. Aber wahrend die Fabri- 
kation des Dolches uns den Tod des Ermordeten nur als bloss 
moglich erscheinen liess, zwang uns die Wahrnehmung des Er- 
dolchens zu dem Urteil: der Tod des Erdolchten muss eintreten. 
Der Fabrikant hat also den Tod des Opfers bloss ermoglicht, 
der Morder hat ihn gesichert. 



^) Das Urteil, das Bedingung und Ursache hervorrufen, ist, genauer 
betrachtet, Schlusssatz eines Syllogismus , dessen Obersatz ein hypothe- 
tischer Satz ist, dessen Inhalt aber verscbieden, je nachdem eine Bedin- 
gung oder Ursache in Frage steht. Der Syllogismus, den die Bedingung 
hervorruft, lautet: 

Die Bedingung ist eingetreten. 

Wenn die Bedingung nicht ist, so ist auch der Erfolg nicht. 

Ergo ist der Erfolg nicht nicht, d. h. er ist moglich. 
Der Syllogismus dagegen, den die Ursache hervorruft, lautet: 

Die Ursache ist eingetreten. 

Wenn die Ursache ist, dann ist auch der Erfolg. 

Ergo wird der Erfolg sein. 
Der hypothetische Obersatz des ersten Syllogismus verbindet also zwei 
negative Urteile, der des zweiten Obersatzes zwei positive Urteile. Folg- 
lich besteht auch der Unterschied von Bedingung und Ursache darin, 
dass diese den subjektiven Zusammenhang zweier positiven Urteile, jene 
den subjektiven Zusammenhang zweier negativen Urteile andeutet. 



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— 6 — 

Und das ist denn auch das Moment, das Beihilfe und Thater- 
schaft unterscheidet: der Gehilfe ermoglicht, der Thater 
si chert den Erfolg'), wie tiberhaupt ,4iandeln^^ nichts anderes 
heisst als „den Erfolg sichern". Die Ausdrlicke „sichern", „er- 
moglichen" aber, um das bei dieser Gelegenheit gleich mitzu- 
erwahnen, sind sprachliche Abktirzungen und geben durch ihren 
Ausdruck, ebenso wie die Ausdriicke „verursachen", „handeln", 
zu der Meinung Anlass, als bezeichneten sie objektive Ereignisse 
von bestimmter objektiver Wirkung, wahrend sie in Wahrheit 
objektive Ereignisse von bestimmter subjektiver Wirkung be- 
zeichnen, oder — noch genauer ausgedrtickt — : das Vorhanden- 
sein dieser bestimmten subjektiven Wirkung eines objektiven 
Ereignisses andeuten. Birkmeyer liess sich somit durch die 
Sprache tauschen, wenn er den Unterschied zwischen Ursache 
und Bedingung auf die verschiedene Wirkung beider in der 
Objektivitat abstellte. Die Ursache ist nicht die objektiv, son- 
dern subjektiv wirksamste Bedingung. 

Andrerseits miissen wir wiederum, gegen v. Buri gewendet, 
betonen: die Ursache unterscheidet sich auch objektiv von der 
Bedingung dadurch, dass sie objektiv mehr wirkt als die Be- 
dingung, namlich auf das Urteil des zuschauenden Subjekts, auf 
den Grad der Sicherheit des Urteils fiber den Eintritt des Er- 
folges. Die Ursache erwirkt das sicherste Urteil tiber den Ein- 
tritt des Erfolges. ») 

*) Darum ist es auch durchaus logisch, wenn das deutsche Straf- 
gesetzbuch den Anstifter nicht als ThS.ter gelten liisst. Denn nicht der 
Anstifter, sondem erst der Angestiftete sichert den Erfolg, — d. h., wie 
wir hier gleich vorgreifend bemerken woUen (of. unten § 3), sichert den 
Erfolg unter Hinzutritt unabanderbarer Bedingungen. Denn nur dann, 
wenn die Handlung des Angestifbeten sich als eine „abilnderbare" Be- 
dingung darstellt, hat dieser und nicht der Anstifter den Erfolg verur- 
sacht. Als eine abS>nderbare Bedingung aber stellt sie sich dar, wenn 
auf sie das Urteil zutrifft, dass der Angestiftete anders hS.tte handeln 
k5nnen, also in der Freiheit seines Willens nicht beschrankt war, woven 
unten im § 4 noch eingehend die Rede sein wird. So erkld.rt es sich, 
warum der Anstifter eines Unzurechnungsfiihigen, den jener fttr zurech- 
nungsfilhig halt, wider sein Wissen und WoUen zum (mittelbaren) Thater 
des Erfolges wird. 

^) Eine Widerlegung der vom Reichsgericht angenommenen sog. sub- 
jektiven Teilnahmetheorie im einzelnen erscheint uns nach der treff- 
lichen und verdienstvollen Polemik Birkmeyers, die leider nur zu wenig 
positive Frilchte gebracht hat, iiberflQssig. Nur darauf mdchten wir hin- 



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— 7 — 

Zusatz zu § 2. 

Wenn abweichend von der hier gegebenen Definition gewohn- 
lich der Satz aufgestellt wird: TJrsache sei die Bedingung, der 
der Erfolg mit Notwendigkeit folge, so besagt dieser Satz natiir- 
lich nichts anderes, als der Satz; Ilrsache sei die Bedingung, 
die den Erfolg sichere. Der erstere Satz ist nur der objektive 
Ausdruck, die objektive Kehrseite unseres Satzes. Er erklart 
das Urteil fiber den Erfolg nicht bloss flir subjektiv giiltig (Er- 
folg sei sicher), sondem nennt sogar einen objektiv giiltigen 
Grand dieser subjektiven Giiltigkeit (Erfolg sei notwendig). 
Thatsachlich ist dieser Grund aber gar nicht Grand des sub- 

weisen, dass un8 jene reichsgerichtliche Theorie, die alles auf die Willens- 
richtung abstellt, nicht nur theoretisch unhaltbar, sondem auch, was 
noch weit wichtiger, praktisch unbrauchbar erscheint, indem sie uns in 
alien den F9.11en im Stiche lilsst, wo iiberhaupt nicht gewollt ist. Wenn 
zwei Menschen, ohne voneinander zu wissen, einen dritten schlagen, und 
dieser an den Schlagen beider stirbt, warum haften sie dann beide als 
Mitthftter? Die Mitthaterschaft ist ja nicht gewollt. Und wenn einer 
ein Glas unvorsichtig auf einen wackligen Tisch hinsetzt und ein anderer 
wiederum unvorsichtig an den Tisch anstdsst, wer von beiden hat dann 
das Herunterfallen des Glases verursacht? Die Willenstheorie schweigt 
hier voUkommen. 

tTbrigens miissen wir mit Rucksicht auf unsere im Text gegebenen 
Ausfahrungen bitten, mit den Ausdriicken ,,subjektive* ^objektive* 
Teilnahmetheorie zwecks Vermeidung von Missverstandnissen in Zukunft 
sparsam zu sein. Man kann unsere Theorie z. B. eine objektive Theorie 
nennen, insofem sie eine objektiv verschiedene Wirkung von Bedingung 
und Ursache (namlich auf das zuschauende Subjekt) anerkennt. Man 
kann sie aber auch eine subjektive Theorie nennen, insofem sie den 
Schauplatz, wo jene objektiv verschiedene, von Bedingung und Ursache 
ausgehende Wirkung sich aussert, im zuschauenden Subjekt erblickt. 
Andrerseits kann man wiederum im Yergleich mit unserer Theorie die 
des Reichsgerichts eine subjektive und auch eine objektive nennen, und 
zwar eine subjektive, insofern sie einen objektiven Unterschied beider 
leugnet, eine objektive, insofern sie entgegen unserer Ansicht und mit 
der Birkmeyerschen tlbereinstimmend, jenen Unterschied nicht, wie wir, 
im Verhaltnis zum zuschauenden Subjekt, sondern in der Welt der 
liandelnden Personen^ und zwar im Denken und WoUen der handelnden 
Person erblickt. Benn so seltsam es auch klingt, so mtlssen wir doch 
der sog. subjektiven Teilnahmetheorie v. Buns den Vorwurf machen, 
dass auch sie gerade ebenso wie die Birkmeyersche Theorie den Fehler 
begeht, den Unterschied von Bedingung und Ursache auf objektive 
Momente abzustellen, namlich auf ein Ereignis im handelnden Subjekt. 
Das handelnde Subjekt ist aber Objekt fur das zuschauende Subjekt. 
Und so erscheinen denn vom Standpunkt unserer Theorie aus die sich 
feindlichen Theorien v. Buris und Birkmeyers wilrdig, in ein gemein- 
sames Grab gebettet zu werden, dessen Grabstein die Inschrift tragen 
kann: Hier ruhen die objektiven Theorien! 



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— 8 — 

jektiyen Urteils fiber den Emtritt des Erfolges, sondem nnr 
^Ischlicli geseizstes objektires Corelat desselben, oder riditiger 
einer subjektiyen Beziebang (Beziebnng zweier Urteile), die in 
dem XJrteil: Erfolg sei sicber, ibren eigentlicbsten Ansdrack 
findet. Denn ob der kfinfidge Erfolg nicbt bloss nach meiner 
Erfabmng, sondem unabbangig Yon derselben nacb einem ausser- 
balb meines Yerstandes liegenden Qesetxe eintreten wird, daraber 
darf icb mir naturlicb gar kein Urteil erlanben, well Gesetze 
selbst nicbts sind als vom Denken in die Objektiyitat verlegte 
Orfinde meiner Erfabmng, welcbes Denken jedocb als die Er- 
fabmng Hbersteigend YoUstandig eines Eriteriums der Ricbtig- 
keit entbebren moss. Es ist also jedenfalls dasselbe, ob icb 
sage: der Erfolg folge der Ursacbe ^^t Sicberbeit^' oder ,^it 
Notwendigkeit". 

F&r die bier zu gebende Darstellung aber empfiehlt sicb aus 
praktiscben Ghrunden die Betonung des ersteren Satzes, mn eben 
dem Juristen die Yon diesem yielfach yerkannte snbjektiye 
Natur der yon der Ursacbe ansgebenden Wirkung moglicbst 
eindringlicb yor Augen zu stellen und ihn daran zu erinnem, 
dass, wenn wir Uberbaupt eine Tbatsache Bedingung oder Ur- 
sacbe nennen, dies nur geschiebt mit Bucksicht auf die yer- 
scbiedene, yon ibr auf das zuscbauende Subjekt ausgehende 
Wirkung. 

§ 3. 2) Ursaclie 1st letzte abSnderbare Bedingung. 

So unumstosslich wabr, wie es ist, dass Ursacbe diejenige Be- 
dingung ist, der der Erfolg mit Sicherheit (Notwendigkeit) folgt, 
so unrichtig scheint diese Definition auf den ersten Blick zu 
sein, wenn man die zahlreichen Falle in Erwagung zieht, in 
denen es zur Zeit des Eintritts der Ursacbe noch durchaus un- 
gewiss ist, ob tiberhaupt je der Erfolg eintreten wird. Die 
Kocbin hat z. B. gewiss den Tod ihrer Herrschaft yerursacht, 
wenn sie die Speisen, yon der die Herrschaft bona fide genossen, 
yergiftet hat. Aber zur Zeit, als die Kochin die Speisen yer- 
giftete, konnte doch kein. Mensch wissen, ob die Herrschaft 
tiberhaupt je die Speisen anriihren, bezw. am Genusse der- 
selben sterben wtirde. Es war also zur Zeit der Vergiftung, 



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— 9 — 

d. h. des Eintritts der Ursache, der Eintritt des Erfolges (der 
Tod der Herrschaft) noch keineswegs sicher. 

Diese Erwagung scheint nun zwar im vollstandigen Wider- 
spruch mit der Richtigkeit der oben von der TJrsache als der 
den Erfolg sichemden Bedingung gegebenen Definition zu stehen. 
In der That aber thut sie es nicht. 

Denn der scheinbare Widerspruch lost sich durch die Er- 
kenntnis, dass der Gebranch des Wortes „Ursache", die Anwen- 
dung des TJrsachenbegriflfes allemal bedingt ist durch das Vor- 
herdenken (Voraussetzen) des Eintritts der der TJrsache zeit- 
lich nachfolgenden Bedingungen und die TJrsache somit aller- 
dings die letzte Bedingung ist, aber letzte Bedingung nicht in 
der objektiven, dem Beurteiler vorliegenden Zeitreihe, son- 
dem letzte Bedingung in der subjektiven Reihenfolge des 
Denkens — : subjektiv, nicht objektiv letzte Bedingung. 

1) Wir gebraachen das Wort TJrsache nur, wenn wir ent- 
weder fragen, was ist TJrsache? oder diese Prage beantworten. 
Die Anwendung des TJrsachenbegriflFs ist somit bedingt durch 
das Vorhandensein einer Prage nach der TJrsache. Es giebt 
eine TJrsache nur fur einen nach der TJrsache Fragenden. 

Nun hat jede Prage nach der TJrsache aber allemal einen 
praktischen Zweck, der verschieden ist je nach der Person des 
Pragenden (vergl. unten sub 2). Und dieser Zweck bedingt 
es wieder, dass die Bedingung, die der Pragende tiberhaupt 
wegdenken kann, ohne sich mit seiner Prage in Widerspruch 
zu setzen, und die somit fur ihn uberhaupt als TJrsache, d. h. 
alswegzudenkende Bedingung in concreto in Betracht kommen 
kann, nicht gerade die letzte Bedingung in der Zeitreihe der 
objektiven Geschehnisse, dass sie im Gegenteil oft weit, weit 
entfemt ist von dem Zeitpunkt des Eintritts des Erfolges, dass 
aber andrerseits der Eintritt der der TJrsache nachfolgenden 
Bedingungen von dem Pragenden als gegeben, als nicht anders 
sein werdend bereits angenommen sein musste, als er nach der 
TJrsache frug. So musste beispielsweise der arztliche Gutachter 
in dem im Band 6 der Entsch. d. R. G. in Civils. S. 1 mitge- 
teilten Pall, als er den nach dem Pallen eines Arbeiters ent- 
standenen Leistenbruch desselben nicht durch den Pall, sondem 



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— 10 — 

durch die mogliche, vorherige Disposition desselbeD zu einem 
Bruche (Lticke in der Muskulatur der Bauchwand) verursacht 
ansah, bei seiner Frage nach der Ursache in Gedanken zuvor 
als gegeben ansehen, dass der Arbeiter fallen wtirde. Denn nur 
dann konnte er mit der voraufgegangenen Disposition zum 
Bruche bereits samtliche Bedingungen des schliesslichen Erfolges 
als gegeben ansehen. "Wenn er aber — sich in die Zeit vor 
dem Fall zuriickversetzend — das spater eintretende Fallen des 
Arbeiters bereits als gegeben annahm, so ging diese Annahme 
zeitlich der Entdeckung der Disposition zum Bruche als Ur- 
sache vor her und die objektiv spater eintretende Bedingung 
(das Fallen) war somit firiiher in seinem Kopfe, in seinem Denken, 
als die zeitlich voraufgehende Ursache. 

Es ist somit das umgekehrte Verhaltnis zu konstatieren, dass, 
wahrend in der Objektivitat gewisse Bedingungen der Ursache 
zeitlich nachfolgen, im Denken des Subjekts, also subjektiv 
diese Bedingungen gerade zeitlich friiher vorhanden sind als die 
Ursache, die Ursache also, wenn auch nicht objektiv, so doch 
subjektiv die letzte Bedingung des Erfolges ist. 

Ja, man kann noch einen Schritt weiter gehen und die Ur- 
sache nicht bloss als die letzte, sondem uberhaupt als die Be- 
dingung yiaT i^oxfjV^ d. h. als die allein wegzudenkende Be- 
dingung des Erfolges bezeichnen, da ja die Annahme des Ein- 
tritts der nachfolgenden Bedingungen gerade Bedingung der 
Moglichkeit der Frage nach der Ursache war und somit diese 
nachfolgenden Bedingungen vom Fragenden gar nicht wegge- 
dacht werden konnen, ohne dass dieser mit den Voraussetzungen 
seiner Frage in Widerspruch trate. 

Es ergiebt sich somit, dass es durchaus richtig ist, die Ur- 
sache als letzte und somit als die den Erfolg sichemde Be- 
dingung zu bezeichnen, wenn man erwagt, dass nach der Ur- 
sache nie gefragt wird, ohne den Eintritt der der Ursache nach- 
folgenden Bedingungen als gegeben, d. h. als nicht anders sein 
werdend vorherzudenken, vorauszusetzen. 

Und nur das steht noch zur Frage, welches denn die Bedingungen 
sind, die man als nicht anders seiend vorauszusetzen berechtigt 
ist? Auf diese Frage ist aber zu antworten: 



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— 11 — 

2) Die unabanderjbaren Bedingungen.^) 

Man soUte die unabanderbaren Bedingungen, wie bereits oben 
am Anfang des § 2 bemerkt, nicht Bedingungen, sondem Vor- 
aussetzungen fur den Eintritt des Erfolges nennen, da sie zwar 
an sich anders seiend gedacht werden konnten und somit die 
Eigenschaft einer Bedingung erfiillen, aber in concrete, fur 
diesen Fragenden nicht als anders seiend in Betracht kommen. 
Dei^ wer nach der Ursache fragt, will wissen, welche Bedingung 
er andem mtisste, damit der Erfolg nicht wieder eintrete, oder 
welche Bedingung von einem bestimmten Subjekt hatte ge- 
andert werden mtissen, damit der Erfolg nicht eingetreten ware. 
Er muss also, vom Erfolg riickwarts schreitend, die fur ihn als 
unabanderbar in Betracht kommenden Bedingungen als nicht 
anders seiend, als gegeben voraussetzen, bevor er zuletzt mit 
seiner Wegdenkungs- Arbeit an die Ursache als allein wegzu- 
denkende Bedingung herantrat. Denn wtirde er nicht in seinem 
Denken zuletzt an die Ursache herantreten und mit ihrer An- 
nahme auch allemal die der Ursache* zeitlich nachfolgenden Be- 
dingungen als gegeben, d. h. nicht anders seiend annehmen, so 
wlirden mit Annahme des Eintritts der Ursache ja nicht alle 
Bedingungen des Erfolges von ihm als vorhanden gedacht und 
somit das Urteil fiber die Notwendigkeit des Erfolges unberech- 
tigt sein. Er musste also die unabanderbaren Bedingungen als 
nicht anders sein werdend, als nicht wegzudenkende Ereignisse 
voraussetzen, bevor er zur Ursache tiberging, und deshalb 
erscheint es zutreflfender, diese Bedingungen mit dem Namen 
„Voraussetzungen" zu belegen, weil sie die wesentliche Eigen- 
schaft einer Bedingung, namlich weggedacht werden zu konnen, 
fur den in concreto Fragenden nicht erfiillen, vielmehr ihr Ein- 
• tritt vom Fragenden vorausgesetzt werden musste, wenn dieser 
sich nicht mit dem Zweck seiner Frage in Widerspruch setzen 
woUte. 

Der Eintritt der unabanderbaren Bedingungen ist somit nicht 
objektiv, nicht an sich, wohl aber fur den Fragenden, also sub- 



^) tJher den Ausdruck und seine Schwierigkeit vergleiche unten § 4 
ad 2 Anmerkung 6. 



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— 12 — 

jektiv bestimmt, d. h. notwendig, nicht anders denkbar, well 
eben Bedingung der Moglichkeit der Prage. So war es bei- 
spielsweise in dem oben erwahnten, dem Reichsgericht zur Be- 
urteilung gegebenen Pall durchaus nicht notwendig, dass der 
Arbeiter, der schliesslich den Leistenbruch erlitt, fieL Aber der 
Arzt, der die XJrsache des Leistenbruches in der dem Pallen vor- 
aufgegangenen, moglichen Disposition des Arbeiters zum Bruch 
erblickte, musste annehmen, dass der Arbeiter fallen wiirdeyweil 
nur unter dieser Voraussetzung der Leistenbrucb der Disposition 
zum Bruch mit Notwendigkeit folgen musste. XJnd zwar war 
der Arzt zu dieser Voraussetzung um deswillen berechtigt, weil 
das Pallen des Arbeiters fQr ihn als Mediziner ein unabander- 
bares Ereignis, dagegen die Disposition zum Bruch ein Gegen- 
stand moglicher Abanderung war. Denn dariiber zerbricht sich 
ein Arzt nicht den Kopf, was man thun muss, damit ein Mensch 
nicht fallt, sondern nur dartiber, welche Krankheit des Korpers 
er andem mtisste, damit der Kranke, wenn er eine aussere 
Einwirkung (Stoss, Schlag,*Fall etc.) erlitte, nicht Schaden nehme. 
Dass ein Mensch fallt, dagegen kann ein Arzt nichts machen. 
Und es ist auch gar nicht Gegenstand arztlichen Sinnens, zu 
verhtiten, dass ein Mensch nicht zu Palle komme. Wohl aber 
ist sein Sinnen darauf gerichtet, die Krankheit festzustellen, bei 
deren Wegdenkung ein Mensch einen Leistenbruch auch dann 
nicht erlitte, wenn er zu Palle kommt. Die Krankheit ist das 
fiir den Mediziner abanderbare Ereignis, womit nattirlich nicht 
gesagt ist, dass der Arzt jede Krankheit andem kann, sondern 
nur, dass sie fiir ihn Gegenstand moglicher Prage ist, ob und 
eventuell wie er sie andem kann. 

Weil aber — und jetzt gehen wir einen grossen Schritt 
weiter — ftir den einen als unabanderbar in Betracht kommt, . 
was fur den andern als abanderbar, so folgt natiirlich, dass 
dem einen eben das als XJrsache erscheinen muss, was dem andern 
gerade nicht als Ursache erscheinen kann. Dem Arzte erscheint 
das Pallen des Arbeiters als unabanderbares Ereignis, das so- 
mit fiir ihn nicht als Ursache des Leistenbruches in Betracht 
kommt. Dagegen ist fiir den Juristen gar kein Gmnd vor- 
handen, das Pallen des Arbeiters als unabanderbar anzunehmen. 



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— 13 — 

Warum sollte er denn das annehmen? Es war deshalb durchaus 
richtig, wenn das Reichsgericht abweichend von dem arztlichen 
Gutachten den Leistenbruch des Arbeiters auch dann durch den 
Fall desselben verursacht ansah, wenn eine Disposition zum 
Bruche schon vorher bestand. Durchaus unrichtig ware es aber 
andrerseits, woUte man, wie dies thatsachUch Demburg in seinen 
Pandekten, Band 2 § 46, Amn. 6 thut, dem arztlichen Gut- 
achten deshalb wegen seiner abweichenden Ansicht eine Ver- 
kennung des Eausalitatsbegriffes vorwerfen. Der Arzt hatte vom 
Standpunkte seiner Wissenscbafb durchaus recht, wenn er die 
XJrsache des Bruches nicht in dem Fall des Arbeiters erblickte. 
Aber das Beichsgericht hatte auch Becht, wenn es vom Stand- 
punkte der juristischen Wissenschaft den Bruch doch durch den 
Fall verursacht ansah. Es ist eben fiir den einen XJrsache, was 
ftir den andem nicht XJrsache sein kann. Daraus folgt natfir- 
lich nicht, dass der XJrsachenbegriff der verschiedenen Wissen- 
schaften ein verschiedener sei. Es folgt insbesondere auch nicht, 
dass, wie man dies vielfach behauptet hat (cf. Birkmeyer im 
Gerichtssaal Band XXXVII S. 261), der juristische XJrsachen- 
begriff ein anderer sei als der allgemeine, der „philosophische" 
XJrsachenbegriff. Im Gegenteil! Es giebt nur einen XJrsachen- 
begriff, einen Begriff, der in alien Wissenschaften derselbe ist 
und nach dem XJrsache die letzte abanderbare Bedingung des 
Erfolges ist. Aber weil eben fiir die eine Wissenschaft als ab- 
anderbar in Betracht kommt, was fiir die andere Wissenschaft 
nicht als abanderbar in Betracht kommen kann, und somit die 
subjektiven Voraussetzungen bei Anwendung des XJrsachenbe- 
griffes verschieden sein mtissen, so ist es erklarlich, warum bei 
Anwendung ein und desselben XJrsachenbegriffes die verschiedenen 
Wissenschaften zu verschiedenen Ergebnissen gelangen miissen. 

Man lasse sich, um die Bichtigkeit des Gesagten zu erproben, 
einmal die verschiedenen Wissenschaften imGeiste vorbei passieren. 

In der medizinischen Wissenschaft heisst das Ereignis, 
das als abanderbar und somit als XJrsache in Betracht konmit, 
Krankheit des Korpers, und alles, was derselben zeitlich voran- 
geht und nachfolgt oder ausserhalb des menschlichen Korpers 
sich zutragt, ist nur Bedingung oder Voraussetzung eines medi- 



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— 14 — 

zinischen Erfolges. Mag der Jurist die Ursache, warum die 
Herrschaft an dem Qenuss^ der vergifteten Speisen gestorben 
ist, bereits in der Thatsache erblicken, dass die Edchin lange 
Zeit vor dem Genusse der Speisen dieselben vergiftet hat. Piir 
den Mediziner kann die Ursache des Todes nur in demengenRahmen 
des menschlichen Eorpers ihren Schauplatz haben und somit 
zeitlich erst mit der Affizierung desselben beginnen. Mag der 
Laie sich mit Recht einen Vorwurf deswegen machen, weil er 
durch den Genuss von — sagen wir beispielsweise — Prucht- 
eis sich heftige Zahnschmerzen zugezogen hat. Fiir den Zahn- 
arzt liegt die Ursache der Zahnschmerzen nicht erst in jenem 
Genuss, sondem schon in der bereits vorher existenten Krank- 

heit der betroflfenen Zahne.^) — 

In der Physik ist das, was als Ursache in Betracht kommt, 
das Naturgesetz, und die unter dasselbe fallenden Erscheinungen 
sind nur Voraussetzungen eines verursachten Erfolges. Wenn 
der Stein zur Erde fallt, so fallt er fiir den Physiker nicht, 
weil ihm die Unterlage entzogen, sondem weil das Gesetz von 
der Anziehungskraft der Erde den Erscheinungen zu Grunde 
liegt. Die Entziehung der Unterlage ist nur Voraussetzung 
fiir die Wirkung jenes Gesetzes. Sie ist das gegebene Er- 
eignis, von dem der Physiker ausgeht, be vor er nach der Ur- 
sache frug. Sie war also in seinem Denken schon vorhanden, 
ehe die Prage nach der Ursache in ihm auftauchte, ist also die 
subjektiv friihere, nicht die subjektive .letzte Bedingung des 
ihn beschaftigenden Erfolges. Die Unterlage war dem Stein 
schon entzogen, als er nach der Ursache seines Fallens frug. 
Jene Entziehung ist Voraussetzung, Bedingung der Moglichkeit 
seiner Prage, Und woUte jemand deshalb auf die Prage des 
Physikers, warum der Stein fallt, zur Antwort geben: weil ihm 

^ Wenn ich einen Augenarzt um Rat fragen wiirde, was ich thun 
miisste, damit ich nicht abends beim Lesen Augenschmerzen bekftme, 
und der Arzt mir erwiderte: dann lesen Sie nicht! so wiirde ich ihm 
unwillig erwidem, dass das gar keine Antwort auf meiue Frage sei. Denn 
mein Beruf bringt es mit sich, dass ich abends bei Lampenschein lesen 
muss. Und deshalb will ich gerade wissen, was ich thun muss, um keine 
Augenschmerzen zu bekommen, trotzdem ich abends lose. Das Lesen 
ist also fiir mich, der ich einen Arzt konsultiere, das uuabiinderbare 
Ereignis. 



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— 15 — 

die Unterlage entzogen, so wiirde der Physiker mit Becht un- 
willig erwidem: das ist gar keine Antwort auf meine Frage. 
Denn ich will wissen, warum der Stein fillt, wenn ihm — 
(d. h* immer, nachdem ihm) — die Unterlage entzogen. Nun 
klingt es zwar zuerst etwas befremdend, das Naturgesetz, also 
das unabanderbarste Ereignis, als abanderbare Bedingung eines 
Erfolges zu bezeichnen. Allein man beachte, dass die fur 
Menschen vorhandene XJnmoglichkeit, eiu Ereignis zu andem, 
das klihne Him eines Naturforschers nicht hindert, jenes Er- 
eignis wegzudenken. Weil nun aber, wie imten in der Lehre 
von der Unterlassung noch naher gezeigt werden wird, wir uns 
einer Veranderung in unserem Denken nur als einer Folge ob- 
jektiver Veranderung bewusst zu werden vermogen und wir 
somit ein Wegdenken, Andersdenken eines seienden Ereignisses 
nur als Folge objektiver Veranderung dieses Ereignisses auf- 
fassen konnen, alle Veranderung aber ein objektiv abandemdes 
Ereignis — wenigstens in Gedanken — voraussetzt, so folgt, 
dass der Physiker, wenn er sich das Naturgesetz wegdenkt, das- 
selbe als objektiv abanderbar, d. h. objektiv, nicht bios subjek- 
tiv anders moglich, vorher gedacht haben muss. Der Denkfehler 
aber, auf dem die Annahme des unabanderbaren Naturgesetzes 
als eines abanderbaren Ereignisses beruht, ist um so verzeihlicher, 
wenn man bedenkt, dass das Naturgesetz selbst nur eine Schop- 
fung unseres Denkens ist. Allerdings fassen wir es als den 
Grund, die Bedingung unserer Erfahrung auf. Thatsachlich ist 
es aber nur der von unserem Denken in die Objektivitat hinein- 
verlegte Grund unserer Erfahrung, ohne das wir uns Uber die 
Eichtigkeit dieses Denkens, also iiber die Bealitat dieses an- 
geblich objektiven Erfahrungs-Grundes ein Urteil erlauben diirfen. 
Ist das Naturgesetz aber nur der objektive Ausdruck unserer 
Erfahrung, dem wir, ohne dies rechtfertigen zu konnen, Bealitat 
unterstellen, so muss der Fehler, den wir bei dieser TJnterstellung 
begehen, auch dazu berechtigen, das Naturgesetz liberhaupt weg- 
zudenken, somit als des Wegdenkens moglich, d. h. als abander- 
bar aufzufassen. Es ist also auch mit Beziehung auf die Physik, 
ja die Naturwissenschaft liberhaupt, richtig, die XJrsache als ab- 
anderbare Bedingung des Erfolges zu bezeichnen. 



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— 16 — 

Dass auch f&r alle anderen Wissenschaften diese Bezeichnung 
zutreflFend, davon wird sich der Leser selbst nunmehr leicht 
durch die Probe liberzeugen konnen. Wir woUen, uin nicht 
den Leser zu ermiiden, hier sofort zu unserem Hauptthema Uber- 
gehen, namlich der Nutzanwendung unseres Ursachenbegriffes 
flir die Jurisprudenz. 

§ 4. Ursache tHr den Jnrlsten. 

Wenn der Mediziner nach der Ursache fragt, so will er wissen, 
welche Erankheit des K5rpers er andern mlisse, damit der 
Korper wieder gesund wird. Wenn der Physiker nach der Ur- 
sache fragt, so will er wissen, welches Naturgesetz er (im Ex- 
periment oder generell) sich abgeandert denken miisse, damit 
eine beobachtete Folge von Erscheinungen nicht stattfinde. Wemi 
aber der Jurist nach der Ursache fragt, so will er wissen, 
welcher Mensch den eingetretenen Erfolg hatte andern konnen, 
damit er, der Fragende, an diesem Menschen Yergeltung tibe.^) 

Fasst man diesen vom Juristen bei seiner Frage nach der 
Ursache verfolgten praktischen Zweck seiner Frage ins Auge, 
so ergiebt sich, dass Ursache for den Juristen nur 

1) eine menschliche Handlung ist, die 

2) die letzte abanderbare Bedingung des Erfolges ist, und 
zwar abanderbar 

3) fiir einen fiir den jeweiligen Vergeltungszweck des Fragen- 
den in Betracht kommenden Menschen. 

ad. 1. 
Es ist durch obige Definition natiirlich nicht ausgeschlossen, 
dass als Ursache f&r den Juristen eventuell auch keine mensch- 
liche Handlung, d. h. ein Zufall in Betracht kommen kann, 
da Zufall im Recht immer nur etwas rein Negatives bezeichnet, 
namlich die Vemeinung der Frage, ob eine menschliche Hand- 
lung sich als Ursacbe des Erfolges aufweisen lasst, und mit 
der Bezeichnung eines Zufalls als Ursache somit nicht yemeint 
wird, dass nur eine menschliche Handlung den luhalt der Frage 



^) Die Formen der Vergeltung sind Bestrafung oder Ersatzforderung, 
aber auch Belohnung. Yergl. unten ad 3. 



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— 17 — 

des Juristen nach der Ursache ausmachen konne, sondem nur, 
dass diese Prage selbst in concreto keine Antwort findet. Es 
hat aus diesem Grande auch, um das gleich hier zu erwahnen, 
keinen Sinn, wenn man, wie dies haufig geschieht, auf die Frage, 
warum eine Handlung nicht Ursache gewesen sei, mit dem Hin- 
weis darauf zu antworten pflegt, dass ein Zufall die Ursache 
gewesen sei, oder ein Zufall den Kausalzusammenhang unter- 
brochen, da diese Antwort keine Antwort ist, sondern nur das 
Thema wiederholt, dass eine menschliche Handlung nicht Ur- 
sache des Erfolges fiir den Juristen gewesen sei, nicht aber sagt, 
warum sie es nicht gewesen. 

ad 2. 

Eine Handlung ist nun, kurz gesagt, ftir den Juristen Ursache 
eines Erfolges dann, wenn dieser ihr unter Hinzutritt unab- 
anderbarer Bedingungen folgen musste.^) Es liegt in diesem 
Satze, dass der Erfolg weder die unbedingt notwendige*) noch 
die regelmassige noch die voraussehbare*) Folge der verur- 



*) Hieraus folgt fiir das Wesen des dolus eo ipso, dass es falsch ist, 
zu sagen, dolus erfordere das Bewusstsein von der Notwendigkeit des 
Erfolges. Wenn ich einen Brunnen vergifte, ist es nicht notwendig, 
dass Menschen an dem Genusse des vergifteten Wassers sterben werden. 
Aber es ist dies notwendig, wenn Menschen nichts ahnend das ver- 
giftete Wasser trinken werden, also unter Hinzutritt von Bedingungen, 
die far den diese Setzenden unabilnderbar. Dolus erfordert also das Be- 
wusstsein von der Notwendigkeit des Erfolges bei einem unabS^nderbaren 
Verlauf der Dinge. Es liegt auf der Hand, dass durch diese Definition 
der Begriff des dolus eine grosse Dehnbarkeit erlangt und insbesondere 
der dolus eventualis als dolus erscheint. Dolus ist nur das Bewusstsein, 
dass, wie es kommen kann, es kommen muss. Es giebt aber tausend 
Fiille, wie es kommen kann. Wenn ich ein Kind in einen LOwenkafig 
werfe, so kann es kommen, dass das Kind durch das Hinfallen auf den 
Boden des Kafigs stirbt oder vor Schreck oder weil die Tiere es auf- 
fressen oder durch Verhungem oder durch Krankheit, die es sich im 
Kafig durch die Tiere zuzieht. Aber ich weiss, wie es kommt, muss es 
kommen. Und dass es so und nicht anders kommt, dagegen kann ich 
nichts mehr machen Deshalb habe ich dolus. 

') Die Notwendigkeit des Erfolges ist bedingt durch den Hinzutritt 
unabanderbarer Ereignisse. 

^) Es ist weder das regelmassige noch yorauszusehen , dass, wenn 
jemand einem andem eine leichte Verletzung zufiigt, der Verletzte in- 
folge der Verletzung ,ein wichtiges Glied des KOrpers verliert oder in 
Siechtum oder Geisteskrankheit verfailt.** Und doch hat, wenn seiches 
geschehen, der Verletzer die schwere Verletzung nach § 224 St.-G.-B. 

Hess, Kausalzusammenhang. 2 



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— 18 — 

sachenden Handlang zu sein braucht. Es ist nur notig, dass 
die Bedingungen, die der Ursache folgen, als unabanderbare, 
die Ursache selbst aber als abanderbares Ereigms erscheinen. 
Die kurzen und durch das BedtLrfnis sprachlicher Yereinfachung 
gerechtfertigten Ausdriicke ^abanderbar^S ,,unabanderbar^^^) aber 
sollen soyiel bezeichnen als ^fur einen freien Menschen anders 
moglich, bezw. nicht moglich**. Sie sind, wie wir noch im Ver- 
laof der Darstellung naher zeigen werden, nicbts als der ob- 
jektive Reflex des Urteils, dass ein Mensch die Ursache der be- 
urteilten Bedingung ist und dieser Mensch anders handeln konnte^ 
als er gehandelt hat. 

Es scheiden demnach als ^unabanderbar" aus dem Kreise der 
den Juristen interessierenden Ereignisse aus®): 



venirsacht und wird fflr dieselbe bestraft. Und zwar mit Recht, weil 
die schwere Verletzung dem Delikt bei einein unabS.nderbaren Verlauf 
der Dinge folgen musste. 

^) Wir wissen sehr wohl, dass jene Ausdriicke nicht genau das treffen, 
was wir sagen woUen. Aber wir zweifebi, dass, wenn man dberhaupt 
ein kurzes und in objektiver Form auftretendes Schlagwort haben will, 
man ein geeigneteres Wort finden wird. Die Schwierigkeit liegt daiin, 
dass es gilt, durch ein einem objektiven Ereignis anzuhiingendes Prii- 
dikat einem unserem Denken bei Anwendung des Ursachenbegriffes zu 
Grunde liegenden subjektiven Gegensatz objektiven Ausdruck zu 
verleihen. Denn ein subjektiver Gegensatz ist es, dem wir Ausdruck 
verleihen wollen. Wir wollen sagen, dass jener gesamte Vorgang, den 
wir die oinzelne Bedingung nennen, nicht sein Subjekt, seinen Urheber 
hat in einem Subjekt, wie es die Ursache hat. Wir haben hierbei also 
unbewusst die Vorstellung, dass jede einzelne, Bedingung genannte, Ver- 
anderung ihr besonderes Subjekt, ihre besondere, von uns personifizierte 
Ursache hat, so dass also in der That nicht Einer, sondem unzHblige 
personifizierte Ursachen den Erfolg verursacht haben, nur dass dieser 
Einer (das Ursachen-Subjekt) ein ganz besonderer Einer ist und der Ge- 
sellschaft der anderen Ursachen (der Bedingungs-Subjekte) als ein Fremd- 
ling gegeniibersteht. Diese eben beleuchtete, infolge wissenschaftlicher 
Verdeutlichung uns bewusste Vorstellung kontrastiert nun ungliicklicher- 
weise mit unserer sonst im Leben gepflogenen Vorstellungsweise und 
dem durch diese bedingten Sprachgebrauch, indem diese vielmehr fiber 
die KSpfe der Bedingungs-Subjekte hinwegsieht und nur das Subjekt des 
als Ursache bezeichneten Ereignisses als Urheber und zwar direkt als 
Urheber der als Erfolg bezeichneten Veriinderung gelten l§«st. Man 
wird das, wenn man gerecht ist, unserer auf Eiirze und Bequemlichkeit 
bedachten Definition des Ursachenbegriffes zu gute halten miissen. 

*) Die folgende Einteilung schliesst sich der von v. Liszt, Lehrbuch 
§ 49 gegebenen an. Es ist mit Absicht die Darstellung eines hervor- 
ragenden Praktikers zum Ausgangspunkt genommen, um im Hinblick 
auf dieselbe die praktische Brauchbarkeit unserer Theorie zu zeigen. 



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— 19 — 

a) Die Naturereignisse, weil dieselben nicht Thaten von 
Menschen sind. 

b) Thaten von Tieren. — Es liegt also z. B. strafbare Korper- 
verletzung vor, wenn jemand seinen Hund auf einen an- 
dem hetzt und der Hund den andem beisst. 

c) Thaten von TJnzurechnungsfahigen und Strafunmiindigen. 
Deshalb haftet nach der lex Aquilia, „qui furenti gladium 
porrexit" (1. 7 § 6 D. ad. 1. Aq. 9,2). 

d) Handlungen von Menschen, die zwar im zurechnungsfahi- 
gen, aber unfreien Zustande, d. h. genotigt gehandelt 
haben, also Handlungen aus Notwehr, im Notstand. 

e) Handlungen eines Menschen, der nicht anders handeln 
konnte, sei es, dass unfrei war 

a) sein Wollen oder 

fi) seine Vorstellung von der Kausalitat seiner Handlung. 

Zur Kategorie a gehort der Fall, wo jemand bei Glatteis, 
aus Furcht, auf dem nicht bestreuten Btirgersteig zu fallen, sich 
auf den Fahrdamm begiebt und dortselbst wegen Glatte zu 
Fall kommt (Entsch. d. R. Gt. in Civils. Bd. 29 S. 122). 

Zur Kategorie /? gehort der Fall, wo ein Mensch iiber die 
Kausalitat seines Thuns getauscht wird, man giebt ihm z. B. 
,venenura pro medicamento" (cf. 1. 7 § 6 D. ad 1. Aq. 9,2). 

Allein, wann kann man nun sagen, dass ein Mensch bei 
seinem Handeln unfrei war, dass er nicht anders handeln konnte, 
also insbesondere von der Kausalitat seiner Handlung keine 
Vorstellung haben konnte, bezw. dass ein anderer ja anders 
handeln konnte? 

Hier stehen wir wieder vor einem ganz neuen Ratsel. Es 
ist ja richtig, dass fiir den Juristen allemal derjenige den Er-^ 
folg verursacht hat, der anders handeln konnte, und derjenige 
nicht verursacht hat, der nicht anders handeln konnte, dass 
also insbesondere, wenn zwei Handlungen, sagen wir beispiels- 
weise die nicht dolosen Handlungen des A und B den Erfolg 
zusanamen aufgebaut haben, die Handlung des A und nicht des Bden 
Erfolg verursacht hat, wenn A und nicht B anders handeln konnte. 
Allein woher bekommen wir die Antwort auf unsere Frage: wann 

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— 20 — 

wir berechtigt sind zu sagen, dass A and nicht auch B anders 
handeln konnte? Was heisst das liberhaupt: Jemand konnte 
anders handeln? 

Hier nun mUssen wir den lieben Leser bitten, recht scharf 
aufzumerken. Denn das, was jetzt folgt, ist nicht ganz leicht 
zu yerstehen, bildet jedoch die Briicke zum Yerstandnis alien 
juristischen Urteilens in der Eausalitatslehre. 

Jemand konnte anders handeln, heisst: das IJrteil trifift auf 
ihn zu, dass er anders handeln konnte. Woher schopft dieses 
Urteil seine Grtinde? Aus der Betrachtung der Handlung selbst 
oder eines sonstigen objektiven Ereignisses, also einem theore- 
tischen Denken? Nein. Sondern aus dem Gerechtigkeits- 
geflihl, als der Gentralstelle ethischer Erwagungen, also aus 
einer spontan sprudelnden, rein subjektiven Quelle, die sich 
bei der ihrer Entscheidung vorangehenden tJberlegung nicht 
beschrankt auf Betrachtung des ihr unmittelbar zur Beurteilung 
gegebenen objektiven Ereignisses, sondern frei umherblickend 
und herumschweifend, in Mitansehung des Erfolges, unter Be- 
rticksichtigung des erfahrungsgemass tJblichen und Erforderlichen, 
und insbesondere unter namentlicher Beriicksichtigung der Brauch- 
barkeit und der Konsequenzen ihrer Resultate, also jedenfalls 
erst nach vorgangiger Vergleichung dieser Konsequenzen 
hinsichtlich ihres Wertes ihre Wahl triflft. Denn der Massstab, 
der bei Entscheidung der Frage, ob und wer hatte anders 
konnen, zu Grunde gelegt wird, ist zwar der des altbekannten 
bonus pater familias, des Normalmenschen, des Mustermenschen. 
Der Mustermensch ist aber ein ethisches Ideal, Typus eines 
Menschen, der immer handelt, wie man handeln muss, d. h. 
aber eben, wie es das Gerechtigkeitsgefiihl verlangen kann. Dieses 
Ideal ist uns keineswegs a priori gegeben, so dass es uns bei 
unseren ethischen Erwagungen Dienste leisten konnte. Im Gegen- 
teil! das ethische Urteil, das Urteil: ich kann und muss von 
dir verlangen, dass du in concreto anders handeltest, ist aUemal 
schon fertig, bevor wir wissen, wie denn der Mustermensch, der 
bonus pater familias in concreto gehandelt hatte. Das Ideal 
des Mustermenschen ist ein alien ethischen Urteilen zu Grunde 
gelegtes, durchgangiges Substrat, dessen Handlungsweise dem- 



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— 21 — 

selben im Einzelfalle allemal erst a posteriori, namlich nach Ent- 
scheidung des Einzelfalls angedichtet, beigelegt wird. Aber 
dieses durchgangig festgehaltene, einheitliche Ideal erfullt uns 
den praktischen Zweck, in dem Hinweis auf seine Handlungs- 
weise einen bequemen, kurzen Ausdruck dafur zu haben, welche 
Handlungsweise unser Gerechtigkeitsgefiihl im Einzelfalle ver- 
langt. ,Du konntest anders handeln'' — verglichen mit dem 
bonus pater familias — heisst demnach nichts anderes als: ich, 
mein Gerechtigkeitsgefiilil konnte verlangen, dass du anders ge- 
handelt hattest. Ergo „du konntest anders handeln" = „du 
musstest anders handeln". 

Man sieht aus diesen Ausfubrungen, wie es zusammenhangt, 
dass in der Jurisprudenz einen Erfolg verschulden oder ihn ver- 
ursachen immer dasselbe sein muss, weil eben fur den Juristen 
ein Andershandelnkonnen ein Andershandelnmtissen ist. Man 
sieht femer nun aber auch die Tauschung ein, die das in 
objektiver Form auftretende Pradikat jjabanderbar", das wir 
der verursachenden Handlung als Unterscheidungsmerkmal bei- 
gelegt haben, in sich schliesst. Denn dieses in objektiver Form 
auftretende Pradikat ist in Wahrheit nur das Substrat eines 
XJrteils, das in letzter Linie seine Griinde nicht in der Objekti- 
vitat, sondem im Rechtsgef&hl hat. Dass aus dieser Erkenntnis 
sich bedeutende Konsequenzen ergeben mussen, wird dem ahnen- 
den Leser sofort klar sein. 

a) Liegt der wahre Ursprung unseres XJrteils iiber die Ur- 

sachenqualitat einer Handlung nicht in der Objektivitat, 

sondem in der Spontaneitat unseres ethischen Geschmackes, 

so bekommt dadurch jenes Urteil eine Freiheit, wie sie 

schoner ein Richter sich nicht wiinschen kann. Denn sein 

guter Geschmack, seine gesamte Geistesrichtung, sein 

Charakter, vielleicht seine politische Anschauung sind es, 

die dann in Wahrheit die Handlung zur Ursache stempeln. 

Wir woUen dies gleich an einem praktischen Beispiel zeigen. 

Wir haben die Entscheidung des Reichsgerichts No. 62 im 

Band 22 der Entsch. in Strafs. vor Augen. Ein Arbeitgeber 

hat durch Fahrlassigkeit die korperliche Verletzung seines Ar- 

beiters (schweren Bruch des Unterschenkels) herbeigefdhrt. Der 



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— 22 — 

Arbeiter ist infolge der Verletzung nach Hinzutritt von' Brand 
und Blutyergiftung gestorben. Es steht fest, dass er nicht 
(oder wenigstens hochstwahrscheinlich nicht) gestorben ware, 
wenn er nicht die Amputation des yerletzten Beines beharrlich 
abgelehnt hatte. Das Reichsgericht hat den Arbeitgeber nicht 
wegen Eorperrerletzung, sondem wegen fahrlassiger Totung 
verurteilt. 

Die abgedruckten Griinde des TTrteils sagen nicht, was sie 
eigentlich sagen woUen. Es wird in denselben ausgefuhrt, das 
fahrlassige Yerhalten des Arbeitgebers sei „die voile XJrsache 
dieses Erfolges in seiner Gesamtheit" gewesen. Das Landgericht 
hingegen, das nur wegen KSrperverletzung verurteilt, hatte 
,,unter der voUen Ursache nicht die den ganzen Erfolg urn- 
fassende XJrsache, sondem die ausschliessliche Ursache" ver- 
standen. Mit diesen (etwas mystischen) Worten ist jedoch der 
Gegensatz der land- und reichsgerichtlichen Ansicht, der den 
verschiedenen TJrteilen unbewusst zu Grunde liegt, durchaus 
nicht getroffen und ans Tageslicht gehoben. Vielmehr muss 
sowohl das Landgericht wie das Beichsgericht unter TJrsache 
die letzte abanderbare Bedingung des Erfolges verstanden haben. 
Darin aber wich das Reichsgericht vom Landgericht ab, dass 
es entgegen der Ansicht des letzteren die Ablehnung der Am- 
putation des Beines seitens des Arbeiters als ein flir diesen un- 
abanderbares Ereignis auffasste, also nicht das Urteil des Land- 
gerichts teflte, dass der Arbeiter anders hatte handeln konnen 
und mtissen, dass er sich hatte operieren lassen miissen. Denn 
verlangt man, dass der Arbeiter sich hatte operieren lassen 
miissen, so war die Ablehnung der Amputation eine neue, fiir 
einen Menschen anders mogliche Bedingung und somit, weil 
letzte abanderbare Bedingung des Todes, XJrsache desselben. Sie 
enthielt, wenn wir uns der gelaufigeren Sprachweise bedienen 
woUen, ein Verschulden und hob als „eigene Culpa des Ver- 
letzten" den E^ausalzusammenhang zwischen der Fahrlassigkeit 
des Arbeitgebers und flem eingetretenen Tode auf, wie dies, ab- 
gesehen von anderen Quellenstellen, mit Riicksicht auf den vor- 
liegenden Fall insbesondere bereits in 1. 30 § 4 D. ad leg. Aq. 
9,2 ausgesprochen ist: Si vulneratus fuerit servus non mortifere. 



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— 23 — 

negligentia autem perierit, de vulnerato actio erit, non 
de occiso. 

Muss nun aber ein Mensch sich operieren lassen? 

Das ist die Frage, auf die es ankommt. Und bei Beant- 
wortung dieser Frage eben, meinen wir, muss die verschiedene 
Oeistesrichtung des einzelnen zur Wirkung kommen. 

Selbstverstandlich wird niemand die Ansicht hegen, dass es 
eine abstrakte Pflicht gebe, sich operieren zu lassen. Man ist 
niemandem gegenliber verpflichtet, sich operieren zu lassen, 
und zwar weder juristisch noch moralisch. Allein darum han- 
delt es sich auch gar nicht, sondem lediglich um die Frage, 
ob, wenn jemand eine Operation ablehnt, die ihn nach Erfah- 
rung der Wissenschaft hochstwahrscheinlich vom Tode gerettet 
hatte, es dann noch gerecht ist, einem anderen seinen Tod zu 
imputieren. Bei Beantwortung dieser Frage aber wird der ver- 
schiedene ethische Geschmack zu verschiedenen Raisonnements 
flihren. 

Die einen, die mitleidigen Seelen werden sagen: „Der arme 
Arbeiter! Man kann ihm doch keinen Vorwurf daraus machen, 
dass er nicht den Mut hatte, sich einer schmerzhaften und ge- 
fahrlichen Operation zu unterziehen, die ihn giinstigsten Falls 
zwar am Leben erhalten, aber dafur dauemd zum Kriippel ge- 
macht haben wiirde. Vielleicht hat er auch wirklich gedacht, 
dass er ohne Operation mit dem Leben daron kommen wiirde. 
Jedenfalls aber erfordert es doch das personliche Recht der 
Freiheit, dass ein Mensch mit seinem Korper thun und lassen 
kann, was er will. Ein Verlangen, dass jemand sich operieren 
lasse, wiirde also einen Eingriff in das hochste Gut des Menschen, 
die Freiheit, bedeuten!" 

Die anderen dagegen, die mannlicheren Geister, die sich durch 
das Freiheitsgeschrei der Dummheit angeekelt fiihlen, die sich 
von Medizinem haben belehren lassen, wie entsetzlich dumm 
und unaufgeklart noch der grosste Teil des Volkes ist, wie es 
geradezu von einem Hasse gegen die „Staatsdoktoren* und 
„Staatsmedizin" erflillt ist, so dass ihnen beispielsweise die Ab- 
schaffung des Impfzwanges als Ziel eines politischen Programmes 
erscheinen kann, die aus der Entscheidung des Reichsgerichts 



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— 24 — 

vom 81. V. 1894 (Entsch, in Strafs. Bd. 25 No. 127) mit einem 
gewissen inneren Grauen ersehen haben, dass ein erprobter Arzt, 
der ein Kind wider Willen des Vaters durch seine Kunst vor 
sicherem Tode errettet hat, aus Dank hierftir auf die Anklage- 
bank versetzt werden kann und nach Ansicht des Eleichsgerichts 
sogar deswegen wegen KSrperverletzung — (als Messerheld aus 
§ 223a, eyentuell § 224!!) — bestraft werden muss, — diese 
mannlicheren Geister werden unwiUig ausrufen: „ Welches Recht 
hat denn die Dommheit and Feigheit auf Respektierung! Wenn 
der Arbeiter sich nicht operieren lassen will, sei es dass er zu 
feig ist Oder (etwa wie der Gastwirt K. in der zitierten Entsch. 
Bd. 26 No. 127 S. 376, ,als Anhanger der sog. Naturheilkunde" 
und somit als „grundsatzlicher Gegner der Chinirgie*) die Not- 
wendigkeit der Operation nicht anerkennt, wenn er sich kliiger 
dlinkt als der auf langjahrige Erfahrungen fussende Arzt nnd 
ein Risiko nicht laufen will, dessen Eingehung dieser fur not- 
wendig erklart, nun, so mag er auch die Folgen seiner tJber- 
klugheit tragen! Es waredoch nichts ungerechti^r, als den Arbeit- 
geber wegen Totung zu bestrafen oder civilrechtlich in Anspruch 
zu nehmen, wo jeder Chirurg der Ansicht ist, dass wegen der 
Haufigkeit des Falles das Risiko einer Operation von einem ver- 
ntinftigen Menschen hatte gelaufen werden miissen. Wohin soUte 
das auch fiihren, wenn man nicht einmal einem medizinischen 
Sachverstandigen mehr das XJrteil liber die Notwendigkeit eines 
Heilverfahrens anheim geben wollte. Dann konnte man auch 
schliesslich von einem Verletzten nicht mehr den Gebrauch eines 
vom Arzte verordneten Medikamentes verlangen und ihm wegen 
Nichtgebrauch desselben den Vorwurf eigenen Verschuldens 
machen." 

Man sieht, es ist ein weitlaufiges und liber seine Resultate 
selbst hinausblickendes Raisonnement, welches schliesslich in dem 
Satze endet: der Arbeiter konnte, bezw. musste anders handeln, 
und somit der Handlungsweise des Arbeiters dasjenige Pradikat 
beilegt, welches sie zur Ursache stempelt. Ob dieses Raisonne- 
ment richtig, darauf kommt es hier nicht an. Hier gait es 
bios zu zeigen, dass die Verschiedenheit des ethischen Gescbmacks 
im Einzelfalle die verschiedene Beantwortung der Frage: wer 



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— 26 — 

verursacht hat? zur Folge haben muss, und somit eine spontan 
subjektive Quelle es ist, der eine Handlung ihre XJrsachen- 
qualitat entnimmt. 

b) Aber nicht nur bei Entscheidung des Einzelfalles, sondem 
nicht minder auch bei Aufstellung allgemeiner Bechtssatze 
aussert der Satz vom subjektiven, ethischen XJrsprung der Ur- 
sachenqualitat seine Wirksamkeit. 

a) Aus ihm erklart sich z. B., warum der Kausalzusammen- 
hang nicht einmal allemal durch Fahrlassigkeit eines dritten 
oder des Verletzten selbst ausgeschlossen wird. Den letzteren 
Satz haben wir allerdings nur im Strafrecht, namlich bei v. Liszt, 
Lehrbuch § 28 sub III, 2 aufgestellt gefunden. Er gilt aber 
nicht minder auch im Civilrecht. Wenn hier gewohnlich ge- 
lehrt wird'), dass nur bei voraufgehendem dolus eigene Nach- 
lassigkeit den Eausalzusammenhang nicht auszuschliessen ver- 
moge, so ist das yiel zu eng. Man nehme an, ein Transport- 
tibemehmer beauftrage seinen Arbeiter mit dem Transport einer 
mit Explosivstoff gefiillten Kiste, vergisst aber dem Arbeiter 
von dem Inhalt der Kiste Mitteilung zu machen. Der Arbeiter 
lasst, sei es weil er betrunken oder ungeschickt ist, unterwegs 
die Kiste fallen. Es erfolgt eine grassliche Explosion, die 
Hunderten das Leben kostet. Hier wiirden wir dem Transport- 
tibemehmer und nicht dem Arbeiter die Schuld an der Explo- 
sion zuschreiben. Ja, wir wurden dies selbst dann thun, 
wenn etwa der Arbeiter absichtlich, z. B. um sich an seinem 
Prinzipal wegen des geringen Lohnes, den er empfangt, zu 
rachen, die Kiste, in der Meinung, es sei etwa wertvolles 
Porzellan darin, zu Boden wlirfe und dann die Explosion erfolge. 

Verursacht hat also keineswegs der, der zuletzt regelwidrig 
gehandelt hat — (der Arbeiter hat im obigen Beispiele gewiss 
zuletzt regelwidrig gehandelt) — , sondem der, dessen Handlung 
im Vergleich mit den librigen den hochsten Grad der Verschul- 
dung an sich tragt, d. h. dessen Zurverantwortungziehung 
dem emporten Bechtsgeftihl mehr gefallt als die eines anderen. 
Also nicht ein objektives, sondem ein subjektives Plus, ein star- 



') Vergl. Windscheid, Pandekten Bd. n, § 258 Note 18. 



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— 26 — 

kerer Grad ethischer Missbilligung ist das, was die Ursachen- 
qaalitat einer Handlung entscheidet. Es ist wichidg, dies zu 
beachten. Denn wir glauben in der Bagel, dass die Sache 
umgekehrt, glauben den Grand unserer starkeren Missbilligung 
in dem objektiven missbilligten Ereignis finden zu miissen, and 
ubersehen, dass ihr wahrer Grand hoher hinauf, namlich in 
ethischen Regionen gelegen ist and erst das aus diesen herunter- 
steigende Urteil auf das objektive Ereignis den Lichtschein der 
Ursachenqualitat wirfk. 

Beachtet man dies, so wird man auch verstehen, warum 
/^ das Recht in gewissen Fallen, wie z. B. beim saumigen 
Schuldner sogar Haftung fiir zufalligen Untergang des Schuld- 
objekts (z. B. durch Erdbeben) anerkennt (cf. Demburg, Pan- 
dekten 11, § 45 Note 5). Der Gedanke, dass es unbillig ware, 
den Glaubiger einen Schaden tragen zu lassen, den dieser bei 
Promptheit des Schuldners nicht gehabt hatte, hat hier offen- 
bar die Wage zu ungunsten des Schuldners sinken gemacht. 
Und dies leitet endlich liber zu dem Satze: 

y) dass es unmoglich ist, das, was man „ZufalP^ im 
juristisch-technischen Sinne nennt, mit objektiven Merkmalen 
zu bestimmen. Eine Definition, wie: Zufall sei das, was nicht 
voraussehbar, ware nichtssagend. Voraussehbar ist alles und 
nichts, das Regelmassige, wie das Regelwidrige. Und auch das 
wiirde uns nicht weiter bringen, dass man etwa sagte, vorausseh- 
bar sei das Gewohnlichere, das Haufigere, Wahrscheinlichere. Es 
ist etwas sehr Gewohnliches, dass ein Schiff, welches bei dunkler 
Nacht in See geht, von einem anderen angerannt wird, so ge- 
wohnlich, dass man sogar Bestimmungen iiber das Verhalten 
der Schiffer nach einer Kollision getrofifen hat. Und doch hat 
ein Schiffer durch das Inseegehen nicht den Schaden verur- 
sacht, der seinem Schiffe aus dem Anrennen eines anderen 
Schiffes spater erwachst. Nur mit ethischen, also subjektiven 
Merkmalen lasst sich bestimmen, was Zufall ist, namlich das, 
womit man nicht zu rechnen braucht. Den Gegensatz zum 
Zufall bildet das, womit man rechnen muss. Dieses: Du musst 
rechnen, bildet den Inhalt eines ethischen Urteils, jedoch eines 
Urteils, welches als solches niemals allein auftritt, sondem 



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— 27 — 

immer nur als Bestandteil, um willen eines and ere n Urteils, 
namlich eben des Urteils iiber die Kausalitat, bezw. Nicht- 
Kausalitat einer mensclilichen Handlung. Man muss namlich 
gar nichts. Man kann thun und lassen, was man will, insbe- 
sondere Fehler machen, soviel man Lust hat. Solange kein 
Malheur passiert, geht es niemanden etwas an, was man thut. 
Erst dann, wenn etwas passiert ist, wenn die Frage auftaucht, 
ob jemand und wer den Erfolg hatte andem konnen, erst dann 
tritt das Urteil auf : Du musstest anders handeln. Das Mussen, 
die Pflicht existiert also nur um willen der Moglichkeit und 
Richtigkeit eines juristischen Kausalitats-Urteils, und ich muss 
deshalb allemal erst wissen, ob es ethisch gereehtfertigt ist, 
jemandem einen Erfolg zuzuschreiben, bevor ich sagen kann, 
dass der Betreffende anders hatte handeln konnen. „ Pflicht" 
ist Inhalt eines Urteils, welches selbst nur als Bedingung der 
Moglichkeit und Richtigkeit eines I&iusalitats-Urteils in Betracht 
kommt, in die Objektivitat hineingedachtes Substrat eines durch 
ethische Griinde bestimmten Denkens. Ebenso bezeichnet auch 
Zufall das Substrat eines Denkens, welches nur durch ethische 
Erwagungen bestimmt wird und nur um derentwillen in Be- 
tracht kommt. 

ad 3. 

Ursache eines Erfolges ist die letzte abanderbare Bedin- 
gung desselben. Wir sahen, das Pradikat „abanderbar" ist In- 
halt (Substrat) eines Urteils, welches durch ethische Motive 
bestimmt wird. 

Wir gehen jetzt einen Schritt weiter und stellen folgenden 
Satz auf: Das Pradikat „abanderbar" ist nicht nur Inhalt 
eines Urteils, welches durch ethische Motive, sondern welches 
auch durch den jeweiligen Vergeltungszweck des fragen- 
den Juristen mitbestimmt wird. Anders ausgedriickt: Ursache 
eines Erfolges ist flir den Juristen die letzte abanderbare Be- 
dingung, d. h. die letzte, ftir einen fiir den jeweiligen Ver- 
geltungszweck des fragenden Juristen in Betracht kommenden 
Menschen abanderbare Bedingung. 

Der Satz ergiebt sich theoretisch teils aus der Erwagung, 
dass „abanderbar" nur das Substrat eines subjektiven Befindens 



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— 28 — 

bezeichnet, teils aas der oben im § 3 zar Oentige betonten E!r- 
kenntnis, dass der Oebrauch des Wortes Ursacbe alleniAl eine 
von einem ganz bestimmten Zweck geleitete Frage nach der 
Ursache voraussetzt und die so bezeichnete Ursacbe somit nnr 
in Relation auf den Zweck jener Frage in Betracht kommt. 

Praktiscb ist jener Satz von der hochsten Wichtigkeit. 
Denn er erklart, was man bisher tlberhaupt nicht zu erklaren ver- 
mochte, warum namlich einmal im Givibrecht eine Handlong als 
Ursache in Betracht kommen kann, die im Strafrecht nie als 
Ursache, sondem nur als Beihilfe geahndet werden konnte, mid 
warmn femer im Givilrecht diese Handlung als Ursache gelten 
kann, obwohl ihr Erfolg erst durch das nachfolgende Delikt 
eines Dritten vermittelt wird. 

Der klassische Fall, den wir Tor Augen haben, ist der Fall der 
1. 18 pr. D. commodati 13,6, wo ein Schuldner kontraktwidrig 
die ihm vermietete Sache auf eine Reise mit sich nimmt und 
dieselbe ihm unterwegs durch Bauber abgenommen wird. (Janz 
analog liegt der Fall, der dem Beichsgericht in Band 13 der 
Entscb. in Civils. Nr. 21 gegeben war, wo ein Spediteur durch 
verzogerte Absendung der Konnossemente die Auslieferung von 
Giitern in Kuba ohne Erhebung der beorderten Nachnahme er- 
moglicht. Es gehort hierher auch der Fall, wo ein Dienst- 
madchen nachts durch Offnung der Hausthiir Dieben das Ein- 
dringen in die Wohnung und Bestehlen der Herrschaft er- 
moglicht. 

Was bei alien diesen Fallen zuerst auffallt, ist, dass eine 
Person, die im Strafrecht hochstens nur wegen Beihilfe zu 
einem dolosen Delikt bestraft werden konnte und die auch gar 
nicht die letzte und schwerste rechtswidrige Handlung vor dem 
Erfolg begangen hat, im Givilrecht als Urheber belangt werden 
kann und zwar nicht nur mit der Kontraktsklage, sondem im 
Falle wissentlicher BeihiKe und Anstiftung sogar mit der 
Deliktsklage. «) 

Das Auf fallen schwindet jedoch sofort, wenn man den ver- 
schiedenen Zweck ins Auge fasst, den der nach der Ursache 



8) S. Windscheid, Pandekten H, § 453 Note 5, § 455 Note 27. 



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— 29 — 

fragende Jurist mit seiner Frage im Civilrecht und im Straf- 
recht yerfolgt. Im Strafrecht gilt es, das Mass der Schuld ab- 
solut festzustellen, das der einzelne an dem rechtswidrigen Er- 
folge hat. Und hier erscheint es deshalb ganz gleichgiiltig, ob 
der Thater, dem der vor dem Forum des fragenden Juristen 
erscheinende Angeklagte Beihilfe geleistet hat, dieser oder jener 
Nation angehort, ob er ein Hottentotte, Indianer oder Deutscher 
ist, ob er tiberhaupt vor ein Forum gezogen werden kann oder 
nieht. Nicht auf die konkrete Strafmoglichkeit, sondem auf 
die abstrakte Strafwiirdigkeit des Thaters kommt es hier an. 
Dagegen im Civikecht interessiert die abstrakte Strafwiirdigkeit 
ttberhaupt nicht. Hier kommt es allein darauf an, zu wissen, 
von wem man Entschadigung und zwar auf prozessual m5glichst 
bequemem Wege erlangen kann. Und hier interessiert deshalb 
im Regressus der Bedingungen die Handlung des mitschuldigen 
Auslanders, den man prozessual tiberhaupt nicht oder nur hochst 
umstandlich belangen kann, oder die Handlung des Haupt- 
missethaters, des Diebes oder Raubers, von dem nichts zu holen 
ist, weil er nichts hat, tiberhaupt nicht. Man will wissen, von 
wem man Reparation des Schadens, Vergeltung erlangen kann, 
aber Vergeltung nicht auf dem Papier, sondem in klingender 
Munze. Und deshalb interessiert nur die Handlung des Ver- 
geltungsfahigen, also des Zahlungsfahigen, nicht auch die 
Handlung jedes Mitschuldigen, jedes Strafwtirdigen, nicht die 
Handlung des armen Teufels, von dem nichts zu holen. Der 
praktische Mensch sieht, wenn er nach der Ursache seines 
Schadens zwecks civilrechtlicher Belangung des Thaters forscht, 
im Regressus der Bedingungen tiber die Handlung des Vergeltungs- 
unfahigen hinweg, wie der Kriminalist tiber die Handlungen eines 
Strafunmtindigen oder Unzurechnungsfahigen oder wie tiber 
Thaten von Tieren oder Ereignisse der Natur. Ihr Subjekt 
interessiert ihn nicht. Und darum steht die That dieses Subjekts 
fur ihn auf einer Linie mit den tiberhaupt unabanderbaren Er- 
eignissen. Also Ursache ist nicht die letzte abanderbare Be- 
dingung des Erfolges, sondem die letzte Bedingung des Erfolges, 
die abanderbar, anders moglich war fur einen fiir den jeweiligen 
Vergeltungszweck des fragenden Juristen in Betracht kommen- 



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— 30 — 

den Menschen. So sehen wir denn, wie der jeweilige Zweck 
der Frage nach der Ursache seine Wirknng aussert auf die Be- 
antwortung derselben, auf den Inhalt der Antwort 



Wir sprachen eben von dem jeweiligen Zweck der Frage 
nach der Ursache und der Wirknng, die er auf die Beantwor- 
tung derselben aussert. Nun geht der Zweck des nach der 
Ursache fragenden Juristen aber nicht bloss dahin, zu strafen 
oder Vergelfcung des Unredits zu fordem, sondem auch zu be- 
lohnen. Nicht bios das Unrecht, die Schuld fordert die Frage 
des Juristen nach der Ursache heraus, sondem auch das Yer- 
dienst. Aber bei Belohnung des Verdienstes sind es besondere 
Gesichtspunkte, die mit in Frage kommen und in unserer obigen 
Darstellung, wo wir nur eine Vergeltung in Form der Be- 
strafang oder Ersatzforderung im Auge batten, nicht bertihrt 
werden konnten. Diese besonderen Gesichtspunkte aber, die bei 
Belohnung des Verdienstes in Frage kommen, sind die wirt- 
schaftlichen, die Gesichtspunkte wirtschaftlicher Wert- 
schatzung. Es erklart sich somit, dass diese Gesichtspunkte 
unter Umstanden, namlich wo es gilt, zu belohnen, fiir den Ju- 
risten als entscheidend fur die Ursachenqualitat eines Ereig- 
nisses in Frage kommen konnen. Ein solcher Fall, wo sie als 
entscheidend in Frage kamen, aber als solche nicht erkannt 
warden, lag dem Reichsgericht vor im Band 10 der Entsch. 
in Civils. No. 13. Wir woUen diesem Fall kurz naher treten. 
Muss die Witwe sich auf die ihr wegen Totung ihres Ehe- 
mannes aus dem Haftpflichtgesetz zustehenden Ansprftche die ihr 
von einer Versicherungsanstalt geschuldete Witwenpension an- 
rechnen lassen? das war die Frage, die dort zur Beantwortung 
vorlag. Das Reichsgericht hat diese Frage unseres Erachtens 
zwar im Resultat richtig entschieden, jedoch in der Begriindung 
nicht den entscheidenden Punkt getroffen. Das Reichsgericht 
raeint: 

„Im natiirlichen Sinne ist der ursachliche Zusammen- 
hang dadurch bedingt, dass der Nachteil ohne das be- 
schadigende Ereignis nicht eingetreten ware, im recht- 
lichen Sinne aber wird er hierdurch allein noch nicht 



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— 31 — 

hergestellt; vielmehr ist er in diesem Sinne nur vor- 

handen, wenn der Nachteil nicht zugleich durch eine 

selbstandige von dem beschadigenden Ereignisse un* 

abhangige Ursache bewirkt worden ist." — 

„Da aber das Recht auf die Witwenpension in erster 

Linie durch den Abschluss des Versicherungsvertrages 

und durch Zahlung der Versicherungspramien, also durch 

selbstandige Entstehungsursachen, mitbedingt war, so 

ist der ursachliche Zusammenhang dieses Vorteils mit 

dem beschadigenden Ereignisse im rechtlichen Sinne 

ausgeschlossen." 

Allein was heisst „selbstandige" Ursache? Und warum ist 

gerade der Versicherungsabschluss und die Pramienzahlung 

und nicht auch die Totung des Ehemannes eine ^selbstandige*^ 

Ursache des erlangten Vorteils? Eine ^selbstandige* Ursache 

im Sinne der reichsgerichtlichen Entscheidung ist, wenn wir 

diesen Ausdruck einmal acceptieren wollen, der Abschluss eines 

Versicherungskontraktes und die Pramienzahlung immer. Und 

doch scheint es uns zweifellos, dsiss, wenn es sich beispiels- 

weise nicht um eine Lebensversicherung, sondern um eine Un- 

fallversicherung handeln wiirde, der Urheber des Unfalles An- 

rechnung der Unfallsrente auf seine Schuld vom Versicherten 

verlangen kann. 

Worauf es nach unserer Ansicht im reichsgerichtlichen Fall 
ankommt, ist folgendes: Durch Abschluss des Versicherungskon- 
traktes und Zahlung der Pramie war der Witwe der Erwerb 
der Witwenpension gesichert (was beim Vorliegen einer Un- 
fallversicherung angesichts der Ungewissheit des Unfallsein- 
tritts nicht der Fall gewesen sein wurde). Denn dass der Ehe- 
mann einmal sterben wiirde und somit die Bedingung des Er- 
werbes der Pension eintreten wiirde, war schon zur Zeit des 
Versicherungsabschlusses sicher. Der Anspruch auf die Pen- 
sion war somit durch den Tod des Ehemannes im juristisch- 
technischen Sinne nicht bedingt, sondern befristet. Es war 
sicher, dass die Witwe einmal die Pension bekommen wiirde, 
imsicher wann. Es ist somit gar nicht wahr, dass die Witwe 
durch die Totung ihres Mannes einen Vorteil erlangt hat, den 



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— 82 — 

sie sonst nicht erlangt haben wQrde. Der Tdtimg des Ehe- 
mannes kommt also im Resultat yon einem gewissen Gesichts- 
punkte aus Uberhaapt nicht der Wert einer Bedingung zu, weil 
auf sie nicht das Urteil zutrifft, dass bei ihrem Nichtsein aach 
der Erfolg (Erwerb der Pension) nicht gewesen ware. Und es 
fragt sich somit bloss, welches denn dieser gewisse Gesichtspimkt 
ist? Hierauf aber ist zu antworten: der wirtschaftliche. 

Oewiss ware es falsch, einer Handlung deshalb den Wert 
einer Bedingung abzusprechen, weil es sicher ist, dass auch ohne 
diese Handlung, namlich durch ein anderes Ereignis der Erfolg 
eingetreten ware. Denn dann k5nnte man tiberhaupt keinen 
Menschenmehr wegen Mordes anklagen, weil der M5rder einwenden 
konnte, dass auch ohne den Mord der Oet5tete jedenfalls einmal ge- 
storben ware. Nicht ob der Erfolg auch sonst gefolgt ware, 
sondem ob er in concreto der Bedingung gefolgt ist, darauf 
kommt es fiir das Wesen dieser als Bedingung an. 

Wenn abweichend hiervon im vorliegenden Falle der Totung 
des Ebemannes, die unzweifelhaft Bedingung der Erlangung der 
Witwenpension war, der Wert einer solchen abgesprochen 
wird, so Uegt das daran, dass hier eben der Erfolg, den man 
allein im Auge hat, die Anderung im Vermogen der Witwe, 
also eine wirtschaftliche Verandenmg ist und auf dem Schau- 
platz wirtschaftlicher Veranderung die Totung des Ehemannes 
nicht als Bedingung erscheint. Denn liesse man den Totenden 
wirklich mit der Behauptung zu, dass ohne seine Handlung die 
Witwe den Vorteil der Pension nicht erlangt hatte, so konnte 
doch die Witwe mit Recht dagegen einwenden, dass dieser Vor- 
teil aufgewogen wiirde durch den Nachteil, den dieselbe Hand- 
lung ihrem Vermogen gebracht hat und der in der Verpflich- 
tung zum Entgelt, d. h. darin bestlinde, dass sie fiir diesen Vor- 
teil jetzt jemandem kreditieren, also ein Aquivalent aus ihrem 
Vermogen geben miisse, wahrend sie denselben sonst umsonst, 
ohne Aquivalent, ohne Entgelt bekommen hatte. Vom wirt- 
schaftlichen Gesichtspunkte aus betrachtet ist also die Totung des 
Ehemannes nicht eine Bedingung des Erfolges, wail keine Ver- 
grosserung des Vermogens der Witwe. Sie reprasentiert zwjt 
eine zum Erfolg erforderliche Arbeit im wirtschaftlich-technischen 



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— 33 — 

Sinne, aber eine Arbeit, die die Natur sonst jedenfalls der Witwe 
unentgeltlich verrichtet hatte, so dass der Arbeitende auch nichts 
fur dieselbe verlangen kann. Sie reprasentiert zwar eine Arbeit, 
aber keine entgeltungs-, vergeltungswiirdige Arbeit. Und nur 
diese kommt fiir den nach der Ursache fragenden Juristen, 
dessen Fragezweck eben die Vergeltung ist, als Ursache in Be- 
tracht. Und so sehen wir denn auch hier, wie der Zweck der 
Frage nach der Ursache seine Wirkung aussert auf den Inhalt 
ihrer Antwort, und Ursache ftir den Juristen nur eine fiir den 
jeweiligen Vergeltun^zweck seiner Frage in Betracht kom- 
mende Handlung ist, dass also subjektive und nicht objektive 
Momente es sind, die die Ursachenqualitat einer Handlung ent- 
scheiden. 

Anhang. 
Bevor wir das Eapitel von dem Unterschied zwischen Bedin- 
gung und Ursache verlassen, mussen wir noch einem Einwand 
entgegentreten, der unserer Theorie leicht gemacht werden kann. 
Man kann namlich einwenden, die Definition der Ursache als 
letzter abanderbaren Bedingung sei unrichtig, wenn man auf die 
Falle der Pressdelikte und iiberhaupt der durch Gedanken- 
ausserung begangenen Delikte hinsehe. Und in der That hat 
dieser Einwand den Anschein, als konnte er die Richtigkeit 
unserer Theorie in Frage stellen. Wenn der Bote den belei- 
digenden Brief trotz Kenntnis seines Inhalts dem Adressaten 
iiberbringt, oder der Drucker einer Zeitschrift, deren Verleger 
bekannt ist, einen beleidigenden Artikel abdruckt, so haben sie 
die letzte abanderbare Bedingung des Erfolges gesetzt, weil 
auf sie das Urteil zutrifft, dass sie zuletzt vor dem Erfolg 
hatten anders handeln konnen. Und doch haben nicht sie, son- 
dern der Verfasser des Briefes, bezw. des Artikels sich der Be- 
leidigung schuldig gemacht. Wie kann man also behaupten, 
dass Ursache die letzte abanderbare Bedingung des Erfolges sei, 
so wie ferner, dass der Gehilfe vom Thater (cf. oben § 2) sich 
dadurch unterscheide, dass der erstere den Erfolg bloss ermog- 
liche, dagegen der letztere ihn sichere, da doch der ITberbringer, 
Bezw. Drucker des beleidigenden Artikels erst den vom Verfasser 
erstrebten Erfolg sichert und doch bloss Gehilfe ist! 

HesB, Kansalsnsammenhang. 3 



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— 84 — 

AUein man beachte, daas in den hier in Frage kommenden 
Fallen — man mag diese Falle im Oegensatz zu den That- 
delikten Wortdelikte, oder im Gegensatz zu den reellen Yer* 
anderungen (Einwirkungen) ideelle Yeranderungen, oder endlich 
Handlongen nennen, welche nicht auf Yeranderung eines Natur-, 
sondern eines geistigen Ereignisses (Urieils) gerichtet sind — 
dass in diesen Fallen der nach der Yerursachnng handelnde 
Oehilfe (Drucker, Bote) allerdings zu dem Erfolg, namlich zu 
der im Leser eintretenden Urieilsyeranderung zuleizt beigetragen 
hat, aber nicht zu dieser eine gleichartige Bedingung gesetzt 
hat, die letzte abanderhare gleichartige Bedingung der 
geistigen Yeranderung yielmehr der Yerfasser des geistigen 
Inhalts gesetzt hat oder derjenige, der zuletzt den geistigen 
Inhalt yor dessen Zurkenntnisbringung hatte andem mtissen. 
Bei Beurteilung der Kausalreihe einer geistigen Yeranderung 
nimmt eben der zuschauende Beurteiler einen andern Stand- 
punkt der Beurteilung ein als bei Beurteilung einer Kausalreihe 
physischer Yeranderungen, so dass, wenn er zur Anschauung 
seines Denkens vorschreitet, er zwei unter einander herlaufende, 
die Eausalreihen versinnbildlichende Linien yor Augen sieht, 
und zwar eine obere als Bild der Eausalitat in der geistigen 
Welt, und unterhalb derselben eine andere als Bild der Eausa- 
litat in der physischen Welt. Beachtet man das, so ergiebt 
sich, dass es auch fiir die auf geistige Yeranderung gerichteten 
Delikte durchaus richtig ist, die Ursache als letzte abanderhare 
Bedingung des Erfolges zu definieren. Nur muss man hinzu- 
fiigen: eine dem Erfolg gleichartige, letzte abanderhare Be- 
dingung desselben. „Gleichartig" aber heisst: „betrachtet vom 
gleichen Standpunkt der Betrachtung des Erfolges aus". 



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n. 

Verursachung durch Unterlassung. 



3* 



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Die grosse Frage in der Lehre von der Unterlassung geht 
dahin: Was berechtigt uns, kein Ereignis (ein Nichtsthun, 
ein Unterlassen) nicht nur einem wirklichen Ereignis, sondem 
sogar einer Handlung gleichzustellen? 

Zergliedem wir diese Frage, so kommen wir Yon selbst zur 
Antwort. 

Gleichstellen ist eine Urteilsthatigkeit. Ein Urteil kann 
berechtigt sein aus logischen, theoretischen oder ethischen, 
Zweckmassigkeitsgrunden. Es steht also zur Frage, ob das 
Urteil, welches ein Unterlassen einer Handlung gleichstellt, aus 
logischen oder Zweckmassigkeitsgriinden berechtigt ist? 

Nun bezeichnet Handlung 

1) eine objektive, 

2) reelle 

3) Veranderung, welche 

4) von einem Menschen ausgeht und 

5) Bedingung und 

6) Ursache eines Erfolges ist. 

Es sind dementsprechend also sechs Fragen zu beantworten, 
ob namlich die Beurteilung der Unterlassung als einer „objek- 
tiven, reellen, vom Menschen ausgehenden, einen Erfolg bedin- 
genden und verursachenden Veranderung" aus logischen oder 
Zweckmassigkeitsgriinden gerechtfertigt ist? 

Sehen wir zii! 

ad 1. 

Unterlassen heisst Nichtthun, bezeichnet somit den Inhalt 
eines negativen Urteils. Jedes negative Urteil aber — und 
dies bitten wir von vomherein scharf ins Auge zu fassen — 
beruht nicht etwa auf einem Nichtdenken, sondem auf einem 
ganz energischen Denken, namlich dem verbindenden Bewusst- 



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— 38 — 

sein zweier kontradiktorisch entgegengesetzter Vorstellnngs- 
inhalte. Insbesondere aber beruht das XJrteil, welches ein 
Nichtgeschehen zum Inhalt hat, auf dem verbindenden Be- 
wusstsein einer snbjektiTeii Terftnderung, d. h. auf dem Be- 
wusstsein des zeitlichen, successiven Aufeinanderfolgens folgen- 
der zweier, einander kontradiktorisch entgegengesetzter Urteile: 

1) des Yorangehenden XJrteils: das Ereignis wird eintreten, 

2) des nachfolgenden XJrteils: ich habe den Eintritt nicht wahr- 
genommen. Der Satz: es ist etwas nicht geschehen, drtickt also 
allemal aos, dass ich Torher gedaeht habe, es werde ge- 
schehen und dass ich mich nachtraglich von der Unrichtigkeit 
dieses meines frtlheren Denkens tiberzeugt habe. Er drtickt 
also das verbindende Bewusstsein der succesiven Aufeinander- 
folge eines So- und Andersdenken, d. h. einer subjektiven Ver- 
anderung aus. Es ist nicht geschehen, heisst: was ich yorher 
gedaeht, es werde geschehen, das ist nicht geschehen. Es 
setzt dieser Satz also ein vorheriges Andersdenken roraus, oder, 
um das treffende Wort v. Liszt's zu gebrauchen: ein vorheriges 
Erwarten des Nichtgeschehenen. ^) Wenn ich sage, es hat 
heute nicht geregnet, so verrate ich damit allemal zugleich 
auch, dass ich gedaeht habe, es wtirde heute Regen geben. 
Denn sonst wtirde ich tiberhaupt nicht das Urteil fallen, dass 
es nicht geregnet, weil das Wortchen „nicht" eben nur die 
Diflferenz zwischen Denken und Objektivitat anzeigen soil. 

Was also bei jedem Urteil tiber ein Nichtgeschehen, ein 
TJnterlassen unstreitbar re ell ist, das ist die subjektive Ver- 
anderung, die subjektive Enttauschung, die im zuschauenden 



*) Wir wollen gleich hier erwahnen, worauf wir im Text ubrigens 
noch zuriickkominen werden, dass wir v. Liszt zwar daria beistimmen, 
dass Unterlassen so viel hiesse als dasErwartete nicht thun, nicht aber 
auch darin, dass Unterlassen so viel hiesse als das Gesollte nicht thun, 
und dass die „Existenz einer Pflicht uns tiberhaupt erst berechtige, von 
einem Unterlassen zu sprechen". Wenn ich auf die Frage meines Freun- 
des, ob ich heute mittag meinen gewohnten Spaziergang gemacht habe, 
antworte, ich hiitte dies heute angesichts des schlechten Wetters unter- 
lassen, so sage ich damit bloss, dass ich das nicht gethan hiitte, was 
mein Freund dachte, ich wtirde thun. Von einem Sollen, einer Pflicht 
zum Spaziergang ist hier also gar nicht die Rede. Unterlassen bedeutet 
hier vielmehr nur das Yorhergedachte nicht thun. 



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Subjekt Yor sich gehende Aufeinanderfolge eines sich entgegen- 
gesetzten Denkens. Und diese Betonung der Bealitat des sub- 
jektiven Vorganges, der subjektiven Veranderung bildet den 
Ausgangspunkt unserer Betracbtmig, um den sich fiir uns die 
ganze Lehre von der Unterlassung drehen wird! 

Nun geschieht aber alles Denken in Objekten. Kein Denken 
ohne entsprechwides objektives Correlat! Was wir denken, ist 
uns, dem Subjekte, entgegengesetzt, objectum, Objekt. Mogen 
selbst wir uns liberzeugt haben, dass der TJrsprung, die Quelle 
unseres Denkens rein, spontan subjektiv ist und nicht in der 
Objektivitat liegt, wie z. B. bei Anwendung der von Kant so- 
genannten reinen Verstandesbegriffe®), so folgen wir doch der 
Gewohnheit, dem Zwange unserer Natur, -diesem der Objekti- 
vitat entbebrenden Denken ein Objekt unterzuschieben, zu 
hypostasieren, zu substernieren. Und dieses Substrat unseres 
Denkens, das also in Wahrheit nur sein Spiegelbild, sein Re- 
flex, sein Nachbild, nicht sein Vorbild ist, nehmen wir nicht 
etwa als ein blosses Schemen, eine vom Denken gespiegelte Er- 
scheinung bin, sondem schreiben ihm objektive Gtiltigkeit zu, 
ja, fassen es als die Bedingung unseres Denkens auf, wah- 
rend es doch in Wahrheit gerade umgekehrt seine Folge, sein 
Produkt ist. 

So ist es denn also auch nicht wunderbar, sondem mit dem 
Zusammenhang unseres sonstigen Denkens im Einklang stehend, 
wenn wir die Unterlassung als einen ob jektiven Vorgang, ein 
objektives Geschehen, ja als Bedingung eines subjektiven Ge- 
schehens auffassen, da es ein reelles Denken, eine in Wirklich- 
keit sich vollziehende subjektive Veranderung ist, die jedem 
Urteil liber eine Unterlassung zu Grunde liegt. 

ad 2. 

Nun niitzt es uns noch nicht viel, dass wir die Unterlassung 

als ein objektives Ereignis nachgewiesen haben. Denn damit 

ist nur erwiesen, dass es ein wirkliches Denken ist, welches 

der Unterlassung korrespondiert. Dass dieses wirkliche Denken 



•) Vergl. hieriiber unsere Abhandlung dber den „Be8itz" § 7. 



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— 40 — 

nun aber auch richtig ist, dass es insbesondere berechtigt ist, 
die unterlassene Handlung vorherzudenken, za erwarten, imd 
hier nicht blosse subjektive Willkiir, blosser Denkfehler vorliegt, 
folgt daraus noch lange nicht Es fragt sich also, ob iind 
warum es berechtigt ist, und ob aus logischen oder ethischen 
Giiinden? — 

Hier ist nun der Pankt, wo wir in unserem Gedankengang 
einen Augenblick halt machen mtlssen, um uns, bevor wir 
weitereilen, kurz die verschiedenen Wege zu betrachten, die 
grosse Manner von hier aus eingeschlagen haben, um zum 
Ziele zu gelangen. Wir sind an einen Sjreuzweg angekom- 
men, von dem aus verschiedene Wege nach verschiedenen 
Richtungen auslaufen. Und indem wir ganz bedachtig den 
Wegweiser studieren, bitten wir den Leser, die kleine Pause im 
Vorwartseilen recht fleissig dazu zu benutzen, um auszuruhen 
und tief Atem zu schopfen. Denn der Weg, den wir bis zum 
Ziele noch zuriickzulegen haben werden, bildet das schwerste 
Stiick unserer Wanderung. 

Zwei HAuptlandstrassen sind es, die man bisher eingeschlagen 
hat. Die einen wollten das kausale Moment bei der Unter- 
lassung unter Zuhilfenahme ethischer Begriffe konstruieren, die 
anderen ohne diese. Von den letzteren haben wiederum die 
einen im Gefiihl ihrer Ohnmacht, das Problem zu losen, sich 
zu dem Verzweiflungsschritt treiben lassen, das kausale Mo- 
ment im Augenblick der Unterlassung uberhaupt zu leugnen 
und es bereits in einer voraufgegangenen Handlung des TJnter- 
lassenden zu erblicken, — was gewiss unrichtig, da das Denken, 
welches als das allein Beale der Verursachung durch Unter- 
lassung zu Grunde liegt, gerade erst im Moment der Unter- 
lassung und nicht schon vorher anhebt, und somit sein Substrat, 
die Verursachung auch nicht eher beginnen kann, worauf unten 
ad 3 — 6 noch zurtickzukommen sein wird. Andere haben sich 
(nicht gerade geistreich) durch eine Fiktion zu retten gesucht. 
Sie fingierten im Unterlassenden zur Zeit der Unterlassung 
einen psychischen Vorgang, ohne jedoch die Existenzberech- 
tigung dieser Fiktion darthun zu konnen. Denn eine Fiktion 
ist es jedenfalls, wenn man beispielsweise im schlafenden Bahn- 



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— 41 — 

warter, dessen Unthatigkeit die Zugentgleisung zar Folge hat, 
eine „Unterdrtickung des auf die Verhinderung des Erfolges 
gerichteten Thatigkeitstriebes", „Pflichttriebes" annimmt, wo 
doch ein Schlafender gar nicht Pflichttriebe imterdriicken kann. 

Es ist also bisher nicht gelungen, das Problem auf rein theo- 
retischem, logischem Wege zu losen. Und doch leitet uns alle 
die geheime Hoffnung, dass es gelingen mtisse! Es ist ja nicht 
gerade falsch, wenn v. Liszt das kausale Moment bei der 
Unterlassung nnr in der Verletzung einer Pflicht erblickt wissen 
will. Aber wir konnen uns bei dieser Theorie als Jiinger einer 
exakten Denkmethode, die in der Vermeidung jedes Sprunges 
und in der Analyse des theoretischen Denkens gerade ihr 
hochstes Ziel erblickt, nicht beruhigen. Denn was ist Pflicht? 
Es giebt doch fur das theoretische (naturwissenschaftliche) 
Denken keine Pflicht! Dieser Begrifif fiihrt uns ja sofort auf 
das ethische Gebiet hiniiber. Und warum miissen wir diesen 
Sprung ins Faulbett thun? SoUte es nicht moglich sein, auf 
rein logischem Wege nachzuweisen, dass das Urteil, welches in 
der Unterlassung eine Verursachung erblickt, unter ganz den- 
selben Gesetzen zu stande kommt, wie das Urteil, das in der 
Handlung eine Verursachung erblickt? 

In der That! Der Nachweis ist moglich! Man gebe acht! 

Wir haben bereits die Realitat des Denkens, der subjektiven 
Veranderung als Voraussetzung jeder Unterlassung festgestellt. 
Wir haben auch gesehen, dass jenes Denken, jene subjektive 
Veranderung nach der Gewohnheit und Natur unseres Denkens 
in die Objektivitat ihr Substrat, ihr Spiegelbild als dessen ver- 
meintliches Vorbild werfen muss und dieses Substrat die Unter- 
lassung ist. Was nun berechtigt uns, diesem Substrat Realitat, 
Wirklichkeit zuzuschreiben? 

Das ist die grosse Frage. Es liegt auf der Hand, dass diese 
Frage sich deckt mit der oben dahin formulierten Frage, 
warum das mit der Unterlassung korrespondierende wirkliche 
Andersdenken auch richtig ist, warum insbesondere das Vorher- 
denken, Erwarten des Unterlassenen und die darauf folgende 
Enttauschung richtig sind, da eben ein richtiges Denken ein 
der Realitat entsprechendes Denken ist, ergo jene subjektiven 



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— 42 — 

Zustande (Erwartung, Enttauschung) durch den Nachweis ihrer 
Bichtigkeit (d. L ihres tJliereinstimmens mit der Realitat) aus 
dem engen Rahmen ihrer bloss subjektiyen Oiiltigkeit heraus- 
treten und als Ausdruck reeller Zustande erscheinen. £s liegfc 
auch auf der Hand, dass mit Losung der aufgeworfenen Frs^e 
ftir uns im wesentlichen auch das Problem Yon der Natur der 
Unterlassung als Handlung gel5st sein wird. Denn die Frage, 
warum wir das als Unterlassung benannte Substrat als Bedin- 
gung und XJrsache einer reellen Veranderung erachten, kann 
uns keine Schwierigkeit mehr machen, nachdem wir oben im 
§ 2 als einzigen Orund der Bedingungs- bezw. Ursachen- 
qualitat eines Ereignisses das Yorhandensein eines subjektiven 
Momentes (eines bestimmten Denkens iiber den Erfolg) ein- 
gesehen haben, dieses subjektive Moment aber in dem der 
Unterlassung zu Grunde liegenden Denken leicht nachgewiesen 
werden kann, worauf indes unten noch naher zuriickzukommen 
sein wird. 

Es kommt also Yomehmlich alles auf die Losung der Frage 
an: warum wir dem Denksubstrat, genannt Unterlassung, Rea- 
litat zuzuschreiben berechtigt sind. Um diese Frage aber zu 
losen, gehen wir aus von der Vorfirage: was ist denn uberhaupt 
Realitat, Wirklichkeit? 

Hierauf aber ist zu antworten: 

Wirklichkeit ist das Substrat eines sieh seines als 
notwendlg bewnssten Denkens.^) Wirklich ist, was ich 
nicht nur denken muss, sondern bei dessen Denken ich mir 
auch bewusst bin, dass ich so und nicht anders denken muss. 
Wirklich ist z. B. die Gottheit, wenn ich denke, dass ich sie 
denken muss, nicht wirklich, wenn ich nicht denke, dass ich 



*) Genauer ist hinzuzufagen : welches Substrat als die Be din gung 
dieses Denkens angenommen wird, so dass es also in der That drei 
Momente sind, die einem Denksubstrat Realitat verleihen, namlich 
1) Notwendigkeit des zu Grunde liegenden Denkens, 2) Bewusstsein seiner 
Notwendigkeit 3) aus einem ausseren Grunde. Dieser aussere Grand ist 
das reale Objekt. 

£s kommt jedoch auf das dritte Moment in der Lehre von der Unter- 
lassung nicht so viel an als hauptsachlich auf die Betonung der beiden 
anderen, weshalb jenes Moment bei der Definition der Realitat im Text 
iibergangen werden konnte. 



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— 43 — 

sie denken muss. Wirklich ist z. B. eine Veranderung, d. h. 
der tlbergang eines Zustandes in seinen kontradiktorisch ent- 
gegengesetzten Zustand, wenn die Wahmehmungen beider Zu- 
stande sich in mir uicht bloss successir folgen, sondern ich 
mir auch der Notwendigkeit ihrer subjektiven, successiven Polge 
bewusst bin.*) Die BegrifFe „wirklich" und „notwendig" sind 
somit gegenseitige Voraussetzungen ihrer Anwendung. Man 
kann das Notwendige nur als Bedingung wirklichen Denkens, 
und das Wirkliche nur als Objekt notwendigen Denkens de- 
^eren. 

Wollen wir deshalb dem Substrat der subjektiven Verande- 
rung, das wir Unterlassung nennen, Bealitat zuerkennen, so 
mtissen wir zuvorderst nachweisen, dass diese subjektive Ver- 
anderung, also insbesondere auch das dieses bedingende Vorher- 
denken, Erwarten der unterlassenen Handlung nicht eine blosse 
subjektive Willklir, Denkfehler, „ein Einfall meiner spielenden 
Phantasie" ist, um mit v. Liszt zu reden, sondern notwendig, 
dass wir also in alien Fallen, wo wir von Kausalitat durch 
Unterlassung reden, nach dem Zusanmienhang unseres Denkens, 
erwarten mnssten, dass gehandelt werden wUrde. 

Um diesen Nachweis aber zu flihren, wollen wir zuvorderst 
die Unterlassungsdelikte in zwei Klassen einteilen, namlich 

1) in solche, in denen eine voraufgehende Handlung 

a) in uns und in einer handelnden Person, 

b) nur in uns der Erwartung der unterlassenen Hand- 
lung kausal war; 

2) in solche, in denen andere Grlinde dieser Erwartung in 
uns kausal waren. 

Zur Kategorie 1 a gehort das Beispiel von dem guten Schwim- 
mer, der den schlechten Schwimmer durch sein Versprechen 
eventueller Hilfeleistung zu einer Schwimmpartie bestimmt, 
aber spater sein Wort nicht gehalten hat. Hier hat der Thater 
nicht nur in uns, dem Zuschauer, die Erwartung spaterer 
Hilfeleistung hervorgerufen, sondern auch in seinem Opfer, 



*) — aus einem ftusseren Grunde, den ich eben objektive Veriinderung 
neiine. 



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— 44 — 

also in einer handelnden Person der vor uns sich abspielenden 
Trag5die. 

Zur Kategorie lb gehdrt das Beispiel yon dem Kutscher, 
der die Pferde liber den im Wege liegenden Betrunkenen bin- 
weggeben lasst. 

Zur Kategorie 2 gebdrt das Beispiel von der Mutter, die ibr 
neugeborenes Kind durch Entziehung der Nahrung totei 

In den Fallen der Kategorie 1 nun ist die Erwartung der 
unterlassenen Handlong durch Grttnde, welcbe in der Objekti- 
yitat, in der Natur liegen, in den Fallen der Kategorie 2 durch 
Grtinde, welche im ethischen Subjekt, also durch subjektiye 
Griinde bedingt, ergo notwendig, was nunmehr nachzuweisen ist. 

Wir gehen aus yon dem Beispiel der Kategorie la und 
woUen uns, d. h. das zuschauende Subjekt, einmal scharf be- 
obachten wahrend des successiyen Aufeinanderfolgens unserer die 
aufeinanderfolgenden objektiyen Akte begleitenden TJrteile. (Der 
Leser ahnt: aus der Veranderung des Subjektiyen, des Denk- 
spiegels, wird auf die Qualitat des Objektiyen als Denkspiegel- 
bildes geschlossen werden.) 

Der Kutscher iiberfahrt abends 11 TJhr 10 Minuten den Be- 
trunkenen, — nicht etwa dolos, sondem weil er eingeschlafen 
ist. Er ist sonst ein brayer Kutscher, den nur diesmal die 
Miidigkeit libermannt hat. Vor 10 Minuten, also um 11 Uhr, 
ist er abgefahren imd hat damals zuletzt die Pferde zum Laufen 
angetrieben, also damals zuletzt eine „positiye" Bedingung des 
spateren TJnfalls gesetzt. Nichtsdestoweniger urteilten wir da- 
mals nicht, dass er schon damals den Tod des spater tJber- 
fahrenen yerursacht habe. Und zwar mit Recht. Denn yer- 
ursachen heisst im zuschauenden Subjekt das sichere Urteil 
iiber den Eintritt des Erfolges heryorrufen. Wir, das zu- 
schauende Subjekt, konnten es aber damals durchaus nicht fur 
sicher halten, dass der Kutscher spater das Unheil anrichten 
wird, weil dieser zur Zeit des Abfahrens gerade die Absicht 
hatte, aufzupassen, dass kein Unheil passiere, er niemanden 
iiberfiihre, und zur Bezweiflung der Ausfiihrung dieser Absicht 
angesichts der sonstigen Tiichtigkeit des Kutschers kein Grund 
vorlag. Also letzte positive Bedingung des Erfolges ohne 



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— 45 — 

gleichzeitige Annahme geschehener Verursachung desselben! 
Auffallend! Wie erklart sich das? Es erklart sich dadurch, 
dass das Urteil iiber die Notwendigkeit des Erfolges, die die 
letzte positive Bedingung desselbjen an sich hervorrufen mtisste, 
in seiner Entstehung verhindert, paralysirt wird durch den ent- 
gegengesetzt wirkenden Gedanken: der Kutscher wird das tJber- 
fahren hindern, er wird die Pferde erforderlichen Palles zurtick- 
halten. Dieser Gedanke iiber das zukiinftige Thun des Kutschers, 
diese Erwartung der Hinderung des an sich bedingten Erfolges 
bietet der die Annahme der KausaKtat hervorrufenden Bedin- 
gung das Gegengewicht, so dass sie die Kraft derselben aufhebt. 
Sie ist der subjektive Gegengrund, der die objektiv vorhandene 
letzte Bedingung des Erfolges nicht wie sonst als Grund fiir 
die Annahme der Verursachung aufkommen lasst. Sie ist also 
Sttitzpunkt, Grundpfeiler des damaligen die Verursachung ver- 
neinenden Urteils, die Bedingung seiner Richtigkeit. 

Nun fahrt der Kutscher weiter. Er liberfahrt den Betrun- 
kenen. Eine gewaltige Umwandlung voUzieht sich in meinem 
Denken. Das tJberfahren tiberrascht mich. Ich habe es nicht 
erwartet. Mein friiheres Urteil: der Kutscher wird die Pferde 
zuriickhalten, erscheint mir plotzlich als unrichtig und zugleich 
wandelt sich mein Urteil iiber das Ausgeschlossensein des rechts- 
widrigen Erfolges in sein kontradiktorisches Gegenteil: der 
Erfolg muss jetzt eintreten. Was ist der Grund dieser meiner 
subjektiven Umwandlung? Habe etwa ich mich bloss friiher 
geirrt und sehe ich nun ein, dass mein friiheres Urteil: „mit 
dem Abfahren ist das Uberfahrenwerden des Betrunkenen noch 
nicht verursacht'S unrichtig war, oder war mein friiheres Urteil 
richtig und ist es ein jetzt erst eintretendes objektives Ereignis, 
das mich anders iiber die Zukunft urteilen macht? Liegt m. 
a. W. der Grund meiner subjektiven Umwandlung darin, dass 
mein friiheres Denken iiber den Nichteintritt des Erfolges auf 
einem Denkfehler, einem Mangel richtiger Erkenntnis beruhte, 
welchen Mangel ich jetzt erst entdecke, oder war mein friiheres 
Denken mit der Objektivitat iibereinstimmend, also richtig, und 
ist es ein jetziges objektives Anders, das das subjektive Anders 
hervorruft? Ist die in mir vor sich gehende subjektive Ver- 



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— 46 — 

anderuDg eine bloss subjektiye Yeranderung oder Folge einer 
objektiveu? Liegt ihr Grand in mir oder ansser mir? 

Das ist die Altematiye, yor die ich mich gestellt sehe und 
die meine Entscheidung herausfordert. Ich liberlege und ent- 
scheide mich f&r das zweite. 

AUerdings, ich nehme jetzt wahr, dass meine friihere Erwar- 
tong der Erfolgsyerhinderung sieh jetzt als unbegriindet, un- 
richtig herausgestellt hat Aber ich bin mir wohl bewusst, dass 
sie damals, ex tunc betrachtet, nicht unrichtig war, sondem 
im Gegenteil notwendig, weil Bedingung der Richtigkeit meines 
damaligen, die Yerursachung des jetzt als notwendig erachteten 
Erfolges yerneinenden Urteils, dessen Richtigkeit ich auch jetzt 
noch anerkennen muss. Der Schluss ex nunc auf das tunc, 
der Schluss: weil jene Erwartung sich jetzt bei mir als un- 
richtig herausgestellt hat, darum war sie auch schon damals 
unrichtig, ware richtig, wenn ich zugeben konnte, dass mein 
damaliges, durch sie bedingtes TJrteil fiber den Nichteintritt 
des Erfolges mit dem Zusammenhang meines sonstigen Den- 
kens imd meiner Erfahrung damals im Widerspruch gestan- 
den hatte. Das kann ich aber, wie gezeigt, nicht. Ergo muss 
ich jene jetzt als unrichtig erkannte Erwartung als damals 
richtig, d. h. mit der Realitat iibereinstimmend, also als sub- 
jektiye Folge eines damaligen realen Zustandes anerkennen und 
den Grund meiner jetzigen Erkenntnisumwandlung nicht in 
einem friiheren, jetzt entdeckten Denkfehler, sondem in einem 
jetzigen, ausserlichen (objektiyen) Anders suchen, d. h. die sub- 
jektiye Yeranderung von einer objektiyen, reellen Yeranderung 
als Folge dieser ableiten. TJnd hiermit ist die Realitat der 
Unterlassung erwiesen, weil sie namlich ist der kraft Not- 
wendigkeit in die Aussenwelt yerlegte (substemierte) Grund 
einer mir als notwendig bewussten Denkumwandlung, d. h. einer 
Denkumwandlung, die ich nicht als blosse Entdeckung eines 
fruheren Denkfehlers anerkennen kann. 

Es wird bei dieser Analyse des die Unterlassung begleiten- 
den und bestimmenden Denkens nun aber auch zugleich klar 
geworden sein, wie auch die (ibrigen, oben sub 3 — 6 auf- 
gefiihrten Merkmale einer Handlung auf die Unterlassung zu- 



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— 47 — 

treffen miissen und es erscheint deshalb prakidsch, im Anschluss 
an die gegebene Analyse die Betrachtung dieser Momente hier 
vorweg zu nehmen. 

ad 3—6. 
Handlung ist objektive und reelle Veranderung, die yoni 
Menschen ausgeht und Bedingung und Ursacbe eines Erfolges ist. 

a) Die XJnterlassung ist Veranderung, weil Veranderung nur 
Yoraussetzt: 1) das subjektive Aufeinanderfolgen zweier ein- 
ander kontradiktorisch entgegengesetzter Wahmehmungen, 
2) das Bewusstsein der Notwendigkeit ihrer Folge 3) kraft 
eines ausseren Grundes, der eben die Veranderung ist, — 
welche drei Voraussetzungen samtlich auf die Unterlassung 
zutreflfen. 

b) Die Unterlassung ist Bedingung eines Erfolges, weil Be- 
dingung das Substrat eines Denkens ist, dessen Hinweg- 
denken das Hinwegdenken des Erfolges zur Folge hat, das 
Hinwegdenken der der Unterlassung zu Grunde liegenden 
subjektiven Veranderung aber auch das Hinwegdenken des 
der Unterlassung folgenden Erfolges zur Folge hat. 

c) Die Unterlassung ist Ursache eines Erfolges, weil das, 
was einem Ereignis Ursachenqualitat verleiht, lediglich 
ihre Wirkung auf das zuschauende Subjekt ist, dass sie 
namlich in diesem das sichere Denken fiber den Eintritt 
eines Erfolges hervorruft, ein solches Denken aber sich 
mitder der Unterlassung korrespondierenden subjektiven Ver- 
anderung verbindet und mit ihr anhebt. Denn ich denke 
im Augenblick der Unterlassung nicht nur, dass nicht ge- 
schehen ist, was ich vorher gedacht, es werde geschehen, 
sondem ich denke dann auch (und dann erst), dass nun 
der Erfolg eintreten muss, von welch' letzterem Denken 
ich mir bewusst bin, dass es frliher, vor dem Augenblick 
der Unterlassung unberechtigt gewesen ware. 

d) Die Unterlassung hat ihren Schauplatz im Menschen, 
weil wir das Substrat der subjektiven Veranderung irgend- 
wo in die Objektivitat hineinverlegen miissen und es 
nattirlich ist, dass wir seinen Schauplatz gerade dahin ver- 



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— 48 — 

legen, wo wir das Gegenteil der XJnterlassung, namlich die 

Handlung erwarteten. 
Es ist somit erwiesen, dass die sechs Momente einer Hand- 
lung auf die XJnterlassung zutreffen. Um das Erorterte noch 
kurz einmal zusammenzufassen: 

1) Sie ist ein objektives Ereignis, weil Substrat eines 
reellen Andersdenken, einer reellen subjektiven Yeranderung. 

2) Sie ist ein reelles Ereignis, weil substemierte Bedingung 
dieser uns als notwendig bewussten subjektiyen Yer- 
anderung. 

3) Sie ist YerjLnderung, weil Bedingung des uns als not- 
wendig bewussten successiven Aufeinanderfolgens zweier 
einander kontradiktorisch entgegengesetzter TJrteile. 

4) Sie ist vom Menschen ausgehend, weil wir ihren Schau- 
platz irgendwohin in der Objektivitat verlegen miissen und 
es natiirlich ist, ihn an den Scbauplatz der unterlassenen 
Handlung zu yerlegen. 

5) Sie ist Bedingung eines Erfolges, weil das Hinwegdenken 
des ihr zu Grunde liegenden Denkens das Hinwegdenken 
des Erfolges zur Polge hatte. 

6) Sie ist Ursache eines Erfolges, weil mit der ihr korre- 
spondierenden subjektiven Yeranderung das sichere Urteil 
liber den Eintritt des Erfolges anhebt. 

Mit diesen sechs Momenten aber ist das Wesen der Handlung 
erschopft. Es giebt ein Moment, das allerdings bei der Hand- 
lung im gewohnlichen Sinne des Wortes jederzeit auftritt, aber 
bei der Unterlassung fehlt, namlich das Moment der korper- 
lichen Yeranderung. Dieses Moment ist aber der Handlung 
nicht wesentlich. Und deshalb ware es verkehrt, wegen Pehlen 
jenes Momentes das Wesen der Unterlassung als Handlung (mit 
Krug, Glaser, Merkel) zu leugnen, und ebenso verkehrt, nach 
diesem Moment bei der Unterlassung zu suchen oder gar ihr 
ein solches zu unterstellen, bei ihr zu fingieren. Letzteres thut 
jene Theorie, welche das kausale Moment der Unterlassung in 
einem psychischen Yorgang im Unterlassenden erblickt. Und 
deshalb muss diese Theorie falsch sein, ganz abgesehen davon, 
dass ein psychischer Yorgang im Unterlassenden in den meisten 



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— 49 — 

Fallen, namlich wenn er schlaft oder sonstwie &hrlassig handelt, 
tlberhaupt nicht vorhanden isfc. Was allein einer Veranderung 
Bealitat giebt und diese ron einem Traumbilde, einem Tnig- 
bilde unterscheidet, das ist die Realitat der ihr zu Grande lie- 
genden Wahmehmungen und das Bewusstsein ihrer Notwendig- 
keit und der Notwendigkeit ihres Aufeinanderfolgens kraft eines 
ausseren Grundes, genannt: Veranderung. TJnd weil diese Mo- 
mente bei der Unterlassung zutreffen, darum hat sie ReaKtat.'*) 



^) £s scheint hier der richtigeOrt za sein, einan berichtigenden Satz 
einzufagen, dessen Erwahnung wir im Text abBichtlich unterlassen haben, 
um dem Laser das Yerstilndnis der dort gegebenen Ausfuhrungen nicht 
unnOtig zu erschweren, der jedoch den Schlussstein im architeIrtK)ni8chen 
Gebaude der Lehre von der Unterlassung bedeutet, n&mlich den Satz 
Yon der Belatiyitftt Jeder Realit&t. Der Satz erklSjH; sich aus der De- 
finition der Realitiit als der substemierten Bedingung eines sich seines 
als notwendig bewussten Denkens. Denn da von Notwendigkeit eines 
Denkens immer nur unter gewissen Yoraussetzungen die Rede sein kann, 
so kann auch das Substrat dieses Denkens nur unter diesen Yoraussetz- 
ungen Richtigkeit beanspruchen. So erkl3,rt sich denn, warum nicht 
nur fur die verschiedenen Wissenschaften das Wirkliche verschieden ist, 
sondern auch innerhalb der einzelnen Wissenschaft selbst. Bleiben wir 
zundichst einmal bei dem Unterlassungsdelikt stehen, so kommt dasselbe 
als Teil der Wirklichkeit in Betracht nur fiir das Denken eines Juristen 
und zwar auch fiir dieses nur unter der Yoraussetzung, dass man die 
Realitiit gewisser anderer Thatsachen nicht in Zweifel zieht. £s ist 
z. B. im Text gesagt worden, die Notwendigkeit der Erwartung, dass 
der Eutscher, der durch das Abfahren noch nicht das spSltere t)l>er- 
fahren des Betrunkenen verursacht habe, sei bedingt durch den Hin« 
blick auf den damaligen guten Willen des Eutschers, niemanden zu 
ilberfahren. Das ist aber natdrlich nur richtig, wenn man die Realitat 
eines guten Willens und iiberhaupt eines Willens nicht in Zweifel zieht. 
Nun kann man die Realitat des Willens und insbesondere des guten 
Willens yon einem andern Standpunkte aus sehr wohl in Zweifel ziehen. 
Ich erinnere nur daran, dass die Physik den Willen iiberhaupt nicht 
als Realitat anerkennt, dass der Wille hdchstens als Thatsache des 
ethischen Lebens Realitat beanspruchen kann, dass seine Realitat aber 
selbst in der Ethik bezweifelt wird, wofiir ich hier der Eiirze halber 
nur auf die bereits 1891 in meiner „Ehre" § 8 Note 10, S. 46 ange- 
filhrten Ausffihrungen Wundts in dessen Ethik (III. Abschn. 1. Eap. 
sub b) hinweisen mdchte. Allein ob der Wille Realitat und zwar yon 
welchem Standpunkte aus besitzt, darauf kommt es eben bei Betrach- 
tung des Unterlassungsdelikts nicht an, weil diese Betrachtung sich auf 
einem Boden bewegt, wo man die Realitat eines Willens und insbeson- 
dere auch des guten Willens als Realitat anerkennt oder wenigstens an- 
erkannt wissen will. 

Das analoge Beispiel zur relativen Realitat des Unterlassungsdeliktes 
bildet das von der Realitat des Besitzes. Wir haben dieselbe im § 7 
unserer Abhandlung iiber den nattbrlichen Besitz („Abhandlungen" sub I, 
erschienen 1892 bei Otto Meissner, Hamburg) geleugnet. Das war und 
ist richtig nur unter derselben Modalitat, unter der in der Physik die 

He SB, EauBftlBiiBaininenhaiig. 4 



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— 50 — 

In der Verkennung des Wesens der Realitat besteht denn 
auch der Fehler jener yon Krug, Glaser, Merkel yertretenen 
Tbeorie, welche das kausale Moment der Unterlasstmg nicht 
erst in dieser, sondem bereits in einer yorau%egangenen posi- 
tiven Handlung erblickt wissen wilL Sie libersieht, dass yor 
der Unterlassung die Yerursachong des Erfolges gar nicht be- 
ginnen kann, weil das die Ursachenqualitat bedingende sichere 
Denken yom. Eintritt des Erfolges erst mit der der Unterlassnng^ 
zn Grunde liegenden subjektiven Veranderung anhebt und vor 
dieser ausgeschlossen ist. Die yorangegangene positiye Hand- 
lung des TJnterlassenden, deren Erfordemis fiir die Existenz 
eines sog. Eommissivdelikts durch Unterlassung Qbrigens yon 
den meisten Theoretikem weitaus iiberschatzt wird, ist nicht 
Mitursache des durch die Unterlassung herbeigefuhrten Erfolges, 
nicht Objekt, Inhalt des den Erfolg umfassenden Eausalitats- 
urteils, sondem nur eine mogliche Bedingung seiner Ent- 
stehung. Sie steht oberhalb desselben, nicht yor demselben, 
gehort also gar nicht zur Eausalreihe des hier in Frage kom- 
menden Erfolges. Yersteht man mit Kant (Anmerkimg zur 
Thesis der dritten Antinomic) unter der Kausalreihe eines Er- 
folges eine successive Reihe yon Veranderungen, die — (im Re- 
^essus der Bedingungen, d. h. wenn man yom Erfolg riickwarts 

Realitat einer Kraft geleugnet werden kann und geleugnet worden ist. 
Angesichts der Wichtigkeit des Themas von der Relativitat der Wirk- 
lichkeit und um dem Juristen ein Analogon aus einer anderen Wissen- 
schaft zu bieten, das ihm die Zweifel an der Richtigkeit seiner Betrach- 
tungsweise nehmen kann, erscheint es uns zweckmtLssig, hier eine S telle 
aus einer am 28. Juni 1894 in der Akademie der Wissenschaften zu 
Berlin gehaltenen und in der ^Dautschen Rundschau*' (1894, Dezember- 
heftj abgedruckten Rede E. du Bois-Reymonds „tJher Neo-Vitalismus" 
anzufUhren, in der dieser sich fiber das Wesen der Kraft behufs Be- 
kampfung der Lehre von der Lebenskraft folgendermassen iiussert: „Jener 
Grundfehler" (namlich der Lehre von der Lebenskraft) „i8t die falsche 
Auffassung des Begriffes Erafb. Die Kraft ist nichts Wirkhches, wie der 
Vitalismus es sich denkt, nicht ein mit dem materiellen Substrat zu- 
sammengefilgtes, die Materie, wie sie unseren Sinnen erscheint, aus- 
machendes Wesen, welches auch von der Materie getrennt selbstandig 
fortbestehen kann. Sie ist nichts als eine, zur scheinbaren Befriedigung 
unseres Kausalbedarfaisses eingebildete Ursache von Veranderungen, 
welche selber das einzig Wirkliche sind, das wir wahrnehmen. Sie ist, 
wenn man auf den Grund geht, wie schon Newton es sagt, nichts als 
ein mathematischer BegrifF, die zweite Ableitung des Weges des in ver- 
anderlicher Bewegung begriffenen KOrperlichen nach der Zeit." 



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— 61 — 

gehend die Bedingungen bis zu ihrem Ursprung verfolgt) — 
in einer spontanen, d. h. von selbst anfangenden, aus Frei- 
heit entspringenden Begebenheit, also in einem ,^omparativ", 
nicht „der Zeit nach", „absolut" ersten Anfang endet, so endet 
die Kausalreihe des durch die Unterlassnng herbeigefiihrten 
Erfolges, wenn man vom letzteren rttckwarts schreitet, in der 
XJnterlassung als der letzten spontanen, d. b. abanderbaren Be- 
dingang. XJnd die Yoraafgegangene Handlnng des TJnterlassen- 
den liegt somit hinter diesem ersten Anfang der bier in Frage 
kommenden Kausalreihe, und somit oberhalb, ausserhalb des 
diese Eausabeihe umspannenden Eausalitatsurteils. 

AUein — und das ist zu beachten — die voraufgegangene 
Handlung hat nicht bloss den Wert einer einfachen, der XJr- 
sache yorangegangenen Bedingung, sondem ist, wenn sie vor- 
handen ist, — (sie braucht gar nicht bei jedem Kommissiv- 
delikt durch XJnterlassung vorhanden zu sein) ~ der Grund 
fur die Notwendigkeit der Erwartung der unterlassenen 
Handlung, der Grund des Erwartensmiissens, und somit 
indirekt Grund der spateren, uns als notwendig bewussten subjek- 
tiven Veranderung, also auch der Realitat der Unterlassung. Weil 
der Kutscher die Pferde antreibt, darum muss ich jetzt erwarten, 
dass er sie zuriickhalten wird, wenn ein Betrunkener spater im 
Wege liegen sollte. Denn wurde ich diese Erwartung nicht 
hegen, mtisste ich schon jetzt das spater eintretende tJberfahren 
als verursacht, d. h. als sicher annehmen, welche Annahme je- 
doch angesichts der Absicht des Eutschers, niemanden zu iiber- 
fahren, falsch ware. Damit diese Annahme also nicht entsteht, 
obwohl objektiv ihre letzte Bedingung (im Antreiben der 
Pferde) gegeben ist, muss subjektiv eine Gegenkraft in Aktion 
treten, die der objektiven Bedingung das Gleichgewicht bietet. 
Und diese subjektive Gegenkraft ist die Erwartung der Hinde- 
rung. Die positive Handlung des TJnterlassenden und die sub- 
jektiv gegenwirkende Erwartung der Hinderung des Erfolges 
gleichen somit den Gewichten, die man in die Schalen einer 
Wage werfen muss, damit das Zunglein der Wage, das TJrteil 
liber den Nichteintritt des Erfolges, sich nicht dreht. Sie sind 
zwei enigegengesetzte, auf einen Ptuikt wirkende Erafbe, deren 



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— 52 — 

Gleichheit nach dem physikalischen Gesetz der Gleichheit von 
Aktion und Beaktion gegenseitig bedingt ist. Der Angrifis- 
punkt beider aber ist ein subjektiver: das Urteil iiber den 
Erfolg. 

Die Yorangeheude positive Handlong des Unterlassenden 
kommt somit nicht als Ursache des durch die Unterlassung 
herbeigefiihrten Erfolges, sondem nur als Bedingung einer fiir 
die Annahme einer Yerursachung durch Unterlassung erforder- 
lichen Bedingung (namlich des Erwartenmiissens der unterlassenen 
Handlung) in Betracht. 

Weil.sie aber nur Bedingung einer f&r diese Annahme er- 
forderlichen Bedingung und nicht selbst Bedingung dieser An- 
nahme ist, so folgt sofort, dass sie fehlen, und doch Yerur- 
sachung durch Unterlassung vorliegen kann. Denn wesentliches 
Erfordemis fiir die Annahme dieser ist nur die Notwendigkeit 
der Erwartung der unterlassenen HAudlung, das Erwartenmlissen 
derselben. Nun kann dieses Erwartenmtlssen seinen Grand 
haben in einem objektiven, physischen Ereignis, z. B. einer 
Handlung des Unterlassenden. Es kann aber auch in rein 
ethischen, also subjektiven Momenten seinen Grund haben. 
Und dieses trifft in den Fallen der oben so bezeichneten Kate- 
gorie 2 zu, welchen Fallen wir hier noch kurz Beachtung 
schenken woUen. 

Wenn die Mutter es unterlasst, dem neugeborenen Einde 
Nahrung zu geben, und das Kind dann stirbt, so ist der Grund, 
warum wir auch hier Yerursachung durch Unterlassung anneh- 
men, die Notwendigkeit unserer Erwartung der unterlassenen 
Handlung. 

Weil wir die Ernahrung des Kindes seitens der Mutter er- 
warten mussten, darum gilt uns die Unterlassung der Ernah- 
rung als ein objektives und reales Ereignis, das Yerursachung 
des spateren Todes des Kindes sein kann. Allein so viel wir 
auch spahen wfirden, wtirden wir hier das physische Ereignis 
nicht entdecken, das uns zu dieser Erwartung zwang. Was war 
es denn, das uns zu dieser Erwartung zwang und somit berech- 
tigte? Es waren ethische, also in uns, dem Subjekt liegende 
Grtinde, ethische Erwagungen, die uns dahin fiihrten, zu sagen: 



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wir mtissen das verlangen iind erwarten dtlrfen, dass die Matter 
ihr Kind emahre, ethische Erwagungen, bei denen die Konse* 
quenzen der mdglichen Entscheidungen bedingend sind fiir das 
ethische Verlangen. Wohin sollte das fiihren, sagen wir uns, 
wenn wir das nicht verlangen konnten! Wenn wir die Mutter 
nicht fiir verpflichtet erachten, ihr Kind zu emahren, wen denn 
sonst? Etwa niemanden? Dann miisste ja der Saugling yer- 
hungem. Und diese Konsequenz kann man doch als ethiscfa 
denkender Mensch nicht acceptieren. Also muss einer das 
Kind emahren. Yon der Mutter kann man das am ehesten 
verlangen. Denn u. s. w. u. s. w. 

Man sieht aus dieser Analyse des Denkens sofort, dass das 
XJrteil, welches die Mutter zur Emahrung des Kindes fur ver- 
pflichtet erklart, also die Existenz einer Pflicht der Mutter an- 
nimmt, in der subjektiven Reihenfolge des Denkens der Erwar- 
tung der Emahrung seitens der Mutter nicht vorangeht und 
somit nicht Grund derselben sein kann, sondem gerade diese 
zur Yoraussetzung hat. Es ist deshalb irrig, wenn v. Liszt auf 
die Frage: wann wir zur Erwartung einer unterlassenen Hand- 
lung berechtigt sind? antwortet: wenn der zu Beurteilende zu 
jener Handlung verpflichtet war. Die Existenz einer Pflicht ist 
nicht Grund fiir die Berechtigung der Erwartung der unter- 
lassenen Handlung, sondem umgekehrt ist die Berechtigung, die 
Notwendigkeit dieser der Grund der Existenz der Pflicht. Wir 
sind nicht deshalb berechtigt, eine Handlung zu erwarten, weil 
der Betreffende zu derselben verpflichtet war, sondem der Be- 
treffende ist zu einer Handlung verpflichtet, weil wir die Hand- 
lung erwarten muss ten. Das Erwartenmussen ist das prius, 
die Pflicht das posterius. Pflicht ist nur das Substrat, der in 
die Objektivitat substemierte Grund eines Erwartenmiissens aus 
ethischen Griinden. Deshalb ist auch der Hinweis auf die 
Existenz einer Pflicht zur Begrtindung der Annahme einer Yer- 
ursachung durch Unterlassung in der Theorie als inkorrekt 
abzulehnen. In der Praxis allerdings ist dieser Begriff als ein 
Erleichterungsmittel des Denkens (Denkhilfsmittel) sowie als 
schnelleres Mittel der Yerstandigung unentbehrlich. Hier er- 
scheint es berechtigt, die Mutter als Urheberin des Todes ihres 



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Eindes mit dem Hinweis darauf zu erklaren, dass sie zur Er- 
nahrung des Kindes yerpfliclitet gewesen. Fehlerhafte Eonse- 
quenzen kdnnen aus dieser BegrUndung nicht entstehen. In der 
Theorie dagegen wQrde diese Begriindmig unberechtigt sein, 
well irreleitend. Denn sie verleitet einmal dazu, die Existenz 
der Pflicht als Grand der Erwartung, des Erwartenmtissens an- 
zunehmen, wahrend diese in Wahrheifc nur deren substernierter, 
d. h. falschlich hinterdrein unterstellter Grand ist. Sie ver- 
dunkelt aber zweitens auch gerade dasjenige, aaf dessen klare 
Erkennung — wenigstens nach unserer Meinung — in der 
Theorie von der Verursachung durch XJnterlassung alles ankommt, 
dass namlich selbst in den Fallen, wo eine Toraufgebende Hand- 
lung des Unterlassenden sich zur Erklarung der Annahme der 
Verarsachung nicht ausfindig machen lasst, also in den Fallen 
der Eategorie 2, zu denen iibrigens auch die Falle der sog. 
Omissivdelikte hinzugezogen werden konnen, die Gleichstellung 
von XJnterlassung und Handlung sich theoretisch rechtfertigen 
lasst und somit tiberall, wo eine XJnterlassung als Handlung 
erachtet wird, dies aus logischen, und nicht aus blossen Zweck- 
massigkeitsgriinden geschieht. Denn das (uns als solches be- 
wusste) Erwartenmiissen der unterlassenen Handlung ist — 
(vorausgesetzt, dass man die subjektive Natur der XJrsachen- 
qualitat zugiebt) — dasjenige Moment, dass allein die Annahme 
der XJnterlassung als Handlung rechtfertigt. Dieses Erwarten- 
miissen ist aber etwas rein Theoretisches, Logisches, das zwar 
in ethischen Erwagungen in den Fallen der Eategorie 2 seinen 
Grand hat, aber dadurch selbst nicht aufhort, ein theoretischer 
Vorgang zu sein. 

XJnd so haben wir denn auf die oben, am Anfang der Lehre 
von der XJnterlassung gestellte Frage: was uns zur Gleich- 
stellung von XJnterlassung uud Handlung berechtigt? zu ant- 
worten: Die logische Natur der Handlung. 



Es harrt zum Schluss noch eine Frage ihrer Beantwortung, 
namlich die Frage, in welchen Fallen wir denn nun eine 
XJnterlassung einer Handlung gleichzustellen berechtigt sind? 
Auf diese Frage ist aber in Gemassheit des oben Erorterten zu 



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«agen: wenn wir die unterlassene Handlung aus physischen oder 
ethischen Griinden erwarten mussten.®) 



^) Ein treffendes Beispiel, wo zwar Erwartung der unterlassenen Hand- 
lung, aber nicht Notwcndigkeit dieeer Erwartung vorliegt und somit 
Yerursachung durch Unterlassung ausgeschlossen ist, giebt Binding in 
seinen Normen II, § 48 b (Seite 243 der ersten Auflage). Es verspricht 
jemand der Mutter eines tollkiihnen Schwimmers hinter dessen Rficken, 
demselben helfend zur Seite zu bleiben, unterlilsst dies aber hinterher. 
Hier hat das Yersprechen eventueller Hilfeleistung zwar die Erwartung 
derselben in uns hervorgerufen, aber nicht ein Erwartenmtissen derselben. 
Denn jenes Yersprechen war nicht kausal filr das Handeln des toUkuhnen 
Schwimmers, bezw. fiir eine seinen Untergang bedingende Erwartung 
der Hilfeleistung in ihm. Deshalb kann ich hinterdrein, wenn ich meine 
Erwartung getftuscht sehe, dieselbe als zur Zeit des Yersprechens unbe- 
rechtigt annehmen, ohne mich damit mit der Richtigkeit irgend eines 
Teiles meines friiheren Denkens in Widerspruch zu setzen. Jene Erwar- 
tung war ganz isoliert in mir, nur auf dem Yersprechen des anderen 
beruhend, nicht etwa Bedingung der Richtigkeit eines sonstigen friiheren 
Denkens. Das wdxe sie in dem Falle gewesen, wo das Yersprechen der 
Hilfeleistung erst den Schwimmer zur Teilnahme an der Schwimmpartie 
bestimmt hatte. Denn hier bildete sie den Gegengrund, der das Urteil 
ausschloss, dass schon durch jenes Yersprechen der Untergang des Schwim- 
mers verursacht sei. Sie war also Stfltzpunkt, Grundpfeiler jenes Urteils, 
und mit der Wegdenkung, Wegrftumung jenes Grundpfeilers wiirde so- 
mit ein gauzes frUheres Denkgebiiude einstilrzen. Hier war die Erwar- 
tung also nicht isoliert, sondern Teil eines Denkens, welches die Wirk- 
lichkeit abspiegelte, und somit indirekt Teil der Wirklichkeit, also not- 
wendig. CJnd die spatere Umwandlung dieser Erwartung in ihr Gegenteil 
musste somit ihre substemierte Bedingung als RealitUt anerkennen. Es 
ist also das Erwartenmtissen, welches berechtigt zur Annahme einer Yer- 
ursachung durch Unterlassung. 



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Druok Ton HaMe A Becker in Lelpmig. 



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r 111' ■ 



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